Nur langsam hatte die anbrechende Nacht den Tag verdrängt, ihm die bunten Bilder des Tages genommen und die immer wiederkehrende Angst vor der Stille gebracht. Die mit eleganten Möbeln und schweren Teppichen ausgestattete Wohnung erdrückte ihn, genauso wie das mit Trauerflor versehene Bild Isabells, und, wie so oft in den letzten Wochen verfolgte er zärtlich die Konturen ihres nur mehr auf bedrucktem Papier existierenden Gesichts und flüsterte beschwörend ?ich finde sie und bringe sie zurück?.
Fast unmittelbar daneben, von einem schweren silbernen Rahmen umhüllt, strahlten ihm drei fröhlich lachende Menschen entgegen, die jetzt jedoch nur mehr Zeugen der Erinnerung an glückliche Zeiten waren.
Wie, um ihn an die fortschreitende Zeit zu erinnern, fiel sein Blick auf den reisefertig gepackten Koffer. Doch er wusste, dass er noch warten musste, seine Ungeduld zähmen musste, dieses unendliche Verlangen, sein Kind wieder in den Armen zu halten, unterdrücken musste.
Er wusste nicht, wie oft er diesen Brief schon gelesen hatte und doch öffnete er wieder seinen Aktenkoffer um dieses zwischenzeitlich zerknitterte Stück Papier herauszuziehen. ?Sehr geehrter Herr Baumann? stand hier in unpersönlicher Computerschrift ?Ich habe Ihre Vermisstenmeldung in der Abendpost gelesen und auch das veröffentlichte Foto gesehen. Ich bin mir ziemlich sicher Ihrer Tochter in Teneriffa begegnet zu sein. Sie bietet ihre Dienste als Begleitservice für gepflegte Herren an. Leider ist sie unter der damals aktuellen Telefonnummer nicht mehr erreichbar und Sie werden verstehen, dass ich mich, als glücklich verheirateter Mann in gehobener Position, nicht persönlich an Sie wenden kann. Ich wünsche Ihnen jedoch viel Glück bei der Suche nach ihr. Ihr sehr ergebener H.J.M.?
Mit ein tiefen Seufzer legte er den Brief zurück, zu den Zeitungsartikeln, die über das plötzliche Verschwinden Melanie Baumanns berichtet hatten, zu den Polizeiakten, die er sich als Kopie hatte anfertigen lassen und zu den letzten Fotos seiner Frau, die er kurz vor ihrem Selbstmord aufgenommen hatte.
Noch einmal schenkte er sein Glas voll mit dem Rest des Weines der in der Flasche geblieben war und trank es auf einen Zug aus. Noch einmal kontrollierte er die Flugtickets die ihm seine Sekretärin ausgehändigt hatte und noch einmal warf er einen Blick in die menschenleeren Räume, bevor er entschlossen seinen Koffer nahm und sein zu Hause mit, selbst für ihn unbekanntem, Ziel verließ.
Das bunte Sprachengemisch, auf diesem internationalen Flughafen, den er nach einer Fahrt im endlosen Stau durch die Innenstadt doch noch rechtzeitig erreicht hatte, schlug ihm entgegen wie eine unüberbrückbare Wand und wieder beschlichen ihn Zweifel ob sein Vorhaben, in einem Land, dessen Sprache er nicht beherrschte, in die Tat umsetzen könne.
?Ja, da schau her, der Herr Baumann? hörte er eine weibliche Stimme hinter sich und spürte wie sich ein voll beladener Gepäckwagen tief in seine Kniekehlen schob. ?Machen´s auch Urlaub? Na ja nach dem ganzen Unglück mit Ihrer Tochter und dann auch noch die Frau ??
Er hatte sich umgedreht und in das sichtlich von einer Sonnenbank stundenlang gebräunte und auffällig geschminkte Gesicht einer Frau geblickt, die ihn jetzt hingebungsvoll anstrahlte.
?Verzeihen Sie? stammelte er verlegen ?kennen wir uns??
?Aber Herr Baumann? schmollte sie jetzt und schob ihre Schultern zurück um ihren üppigen Busen in dem knappen T-Shirt besser zur Geltung bringen ?ich bin doch die Carla und mir gehört die Imbissbude gleich um die Ecke von Ihrem Laden.?
?Es tu mir leid? murmelte er und schaute sie hilflos an, doch sie plapperte munter weiter ?Fliegen´s auch auf Teneriffa??
?Ja? sagte er kurz ?doch jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss noch einchecken? und reichte der freundlich lächelnden Frau am Schalter sein Ticket.
?Die Maschine wird pünktlich starten? sagte Sie ?ich wünsche Ihnen einen guten Flug?.
?Vielleicht sieht man sich ja in Teneriffa? rief ihm die Vollbusige nach, als er sich schnell abwandte um dem Gate 7 entgegenzustreben.?
?Ja vielleicht? antwortete er gleichgültig und winkte ihr nochmals zu.
Er hatte, obwohl er nicht darum gebeten hatte, einen Fensterplatz in der Reihe neben dem Notausstieg bekommen und beobachtete gedankenverloren wie seine Stadt, seine Heimat, seine Welt in der er sich geborgen fühlte, immer kleiner wurde und unter einer dichten Nebeldecke verschwand. ?Ist es noch meine Heimat? fragte er sich ?ist es jener Ort wo ein Mensch gerne zurückkehrt, weil dort seine Liebsten auf ihn warten??
Fast unmerklich schüttelte er den Kopf und zog den Reisführer, den ihn seine Sekretärin vorsorglich zu den Tickets gelegt hatte, heraus, die anscheinend vergessen hatte, dass seine Frau ja aus Teneriffa stammt und seine Schwiegereltern noch immer dort lebten.
?Wie alle Kanareninseln war Teneriffa ursprünglich von den Guanchen besiedelt (Guanche bedeutet in der gleichnamigen Sprache Mann/Mensch aus Teneriffa). Als mächtigster Guanchenhäuptling auf Teneriffa gilt Tinerfe, der im 15. Jahrhundert lebte. Nach seinem Tod wurde die Insel unter seinen neun Söhnen aufgeteilt? las er und fühlte diesen Stich in seinem Herzen. ?Wie lange hatten er und Isabell doch versucht ein zweites Kind zu bekommen? dachte er und in seinen Gedanken machte sich so etwas wie Vorfreude breit, die Insel des ewigen Frühlings wieder zu sehen.
?Herzlich willkommen auf Teneriffa..?. Wie in Trance nahm Gustav Baumann die Stimme des Flugbegleiters wahr.
?War das der Purser?? fragte eine etwa Fünfjährige, nachdem sie zusammen mit ihren Eltern heftig über die geglückte Landung der Crew applaudiert hatte.
Schon oft fragte er sich, warum wird bei Urlaubsflügen immer Beifall gezollt?
Dankbarkeit kann es ja nicht sein, alle haben ja dafür bezahlt, sicher an ihrem gebuchten Zielflughafen anzukommen. Bei Eisenbahnfahrten hatte er noch nie erlebt, dass irgendjemand vor verlassen des Zuges applaudiert. Auch bei Busreisen ist es eher ungewöhnlich. Er hatte dafür eigentlich nur eine Erklärung: Man hat wieder festen
Boden unter den Füßen. Die Angst doch noch in der letzten Sekunde abzustürzen verfliegt mit einem Schlag. Und das Gefühl, am Boden nicht mehr machtlos der Technik ausgeliefert zu sein, lässt explosionsartig den Emotionen freien Lauf.
Die Anspannung ist vorüber. Selbst Fluggäste, die den gesamten Flug nebeneinander saßen, dicht gedrängt, fast Arm in Arm, und während des Fluges keine Silbe miteinander sprachen, lächeln sich an und versuchen in letzter Minute in nicht enden wollenden Redeschwallen alles versäumte nachzuholen, Urlaubstipps zu geben und mit dem Hinweis
?vielleicht sieht man sich ja auf dem Rückflug wieder? eine schöne Zeit auf der herrlichen Insel zu wünschen, die man ja schon unzählige male besucht hat und trotzdem immer wieder etwas Neues entdeckt.
Ein interessantes Phänomen, denkt er, als die Kleine zum wiederholten male fragt: ? Mama, war das der Purser?? .
?Kind, nein, das war der Steward! ? jetzt nimm endlich den Kopfhörer ab und pack dein Zeugs zusammen! ? wir müssen uns beeilen, Oma wartet bestimmt schon draußen.? - ? Aber er hat vorhin gesagt, er ist der Purser! Du hast doch keine Ahnung vom Fliegen!?.
Gustav Baumann musste lächeln. Wie sich doch die Berufsbezeichnungen im Laufe der Zeit geändert haben.
Die Kleine hatte gut aufgepasst. ?Mein Name ist Heinz Fritte, und ich bin ihr Purser?, so waren seine Worte gewesen.
Sicher wussten die meisten Passagiere damit auch nichts anzufangen, aber gefragt hat niemand, - außer der Kleinen
Wehmütig denkt er an seine Zeit auf hoher See zurück. Aus der Seefahrt stammt dieser Begriff, er bedeutet Zahl- und Proviantmeister. Purser, also quasi derjenige, der die Geldbörse innehatte. In der Luft macht diese Bezeichnung jemand zum ranghöchsten Flugbegleiter der Kabinenbesatzung
Er dachte, eigentlich hat dieser Pseudoanglizismus ja auch bereits sein Büro erreicht. Dort wo man sich früher per Visitenkarte in Deutsch vorstellte, protzen heute Bezeichnungen wie ?Editor in Chief?, ?Graduate Computer Scientist?
oder ?Deputy Department Manager?. Keiner weiß, was es ist, aber jeder zieht ehrfurchtsvoll den Hut.
So langsam leerte sich die Maschine. Gustav Baumann griff nochmals in die Innentasche seines Jacketts, um sicher zu gehen, dass der Brief, an dem sich nun seine ganze Hoffnung klammert, noch vorhanden war.
Das freundliche ?Schönen Urlaub? der Stewardess am Ausgang nahm er nur noch am Rande wahr. ?Urlaub?, dachte er, ?wenn die wüsste . . .?.
Der Flugsteig der Ankunft hatte eine sanfte Neigung aufwärts. Schwarze Gumminoppen als Bodenbelag.
"Das Zeug haben wir doch auch im Programm, sollte das vom gleichen Hersteller sein ?"
Hier kam doch der Geschäftsmann in Baumann zum Vorschein, jedoch verwarf er aber sofort wieder jegliche Idee an daheim, wo er die Firma vorübergehend in den Händen von Walter, seinem Bruder, gelassen hatte. Der hatte gerade einen langen Urlaub hinter sich und konnte sich auch einmal alleine um Alles kümmern, oder ?
Schliesslich ging es hier um etwas Anderes als Urlaub
"Meine Güte!" Die Ankunftshalle des "Reina Sofia", des südlichen der beiden Flughäfen Teneriffas, war ihm vollkommen unbekannt, ja, der ganze Flughafen, eigentlich.
Wielange war das her, als sie noch zu dritt hier eine ihrer gemeinsamen Ferien verbringen durften ?
Er, Isabell, und die kleine Melanie, kaum aus dem Säuglingsalter heraus. Damals landeten sie noch auf dem "Los Rodeos"- Flughafen im Norden der Insel, am nächsten zu den Hotelanlagen bei "Puerto del a Cruz ", Hochburg des deutschen Tourismus.
Und Isabell, die nach langen Jahren endlich wieder einmal ihre Familie in "San Juan de la Rambla" besuchen konnte, stolz, ihnen allen die kleine Tochter zeigen zu dürfen, lange erwartetes Kind aus ihrer spanisch-deutschen Ehe.
"Ankunft LTU 5687", "Gepäck an Band 6". So stand es auf der Tafel über ihm.
Viel hatte er ja nicht dabei, die Reisetasche des Handgepäcks und einen leichten Koffer, für höchstens 2 Wochen Aufenthalt, mehr war eigentlich nicht drin, wegen der Firma.
Langsam bewegte sich das Förderband, Gepäckstück um Gepäckstück bewegte sich an Baumann vorbei. Da ! Der neue Aluminium-Koffer reflektierte das durch die riesigen Fenster einfallende Sonnenlicht.
"Sonnenlicht", das war es, was er erwartet hatte, zumindest erst einmal die Sonne. ?Was wohl seine Tochter empfunden hatte als sie hier ankam? War sie überhaupt hier, oder war der Brief, den er erhalten hatte, nur eine Irreführung?
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Keine Ankündigung bisher.
"Teneriffa - Insel der Hoffnung"
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Erstellt von:
Die Wienerin
- Veröffentlicht: 31.07.2008, 08:09
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Nachdem Don Emilio verkündet hatte, sich nun endgültig zur Ruhe zu setzen, fragte man sich im Dorf:
„Was bitte soll er denn jetzt anders machen?“
Er selbst sah es gelassen:
„Früher war ich ein Mann, der nichts tat. Jetzt bin ich ein Mann im Ruhestand, der nichts tun muss. Großer Unterschied.“
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Er sah das...-
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16.07.2025, 07:26 -
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Tag 1: Von Afur nach Casa Carlos. Einfache bis mittlere Tour in der Natur
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https://mapy.com/de/turisticka?plano...&ri=&ri=&ri=&a...-
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05.05.2025, 16:22 -
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Nach einem entspannenden Flug landete ich auf Teneriffa und wurde sofort von der herzlichen Inselatmosphäre begrüßt....-
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13.04.2025, 11:58 -
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Es war eine dieser Wochen, in denen alles gleichzeitig passieren sollte, aber Don Emilio wusste ganz genau: Das war der perfekte Moment für eine Planungswoche.
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11.04.2025, 16:08 -
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Es war ein windiger Nachmittag, als Don Emilio beschloss, die Sache mal richtig anzugehen – also, richtig zu nichts zu tun.
Er hatte die letzten Wochen damit verbracht, seiner Hängematte die perfekte Form zu geben und den idealen Kaffee für seine Siesta zu finden. Doch an diesem Tag hatte er plötzlich das Gefühl, dass mehr möglich war.
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11.04.2025, 16:03 -
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Ein paar Monate nach dem Besuch des deutschen Touristen wurde Don Emilio plötzlich berühmt. Warum? Weil jemand ein Selfie mit ihm und seinem Schild „Mañana“ auf TikTok hochgeladen hatte – und es über Nacht viral ging.
„The Chillest Man Alive“, schrieb ein amerikanischer Blogger.
„Spanischer Zen-Meister mit Hängematte“, titelte ein französisches Magazin.
Die Welt war begeistert – von einem Mann, der gar nichts tat und dabei absolut zufrieden aussah.
Reporter...-
Kanal: Geschichten
11.04.2025, 15:45 -
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Gleißendes Sonnenlicht empfing ihn als er das Flughafengebäude verließ. Er schaute sich um und entdeckte eine lange Schlange mit Taxen die am Anfang aber umringt war von einem Pulk von Reisenden die es alle sehr eilig hatten. Das waren doch Urlauber oder etwa nicht? Geduldig stellte er sich hinten an und wartete bis er an der Reihe war. Endlich. Der Taxifahrer verstaute sein Gepäck im Kofferraum und pfiff leise durch die Zähne, als er das Ziel Hotel Marquesa in Puerto de la Cruz nannte. Er wusste, dass sich die Fahrt für den Fahrer lohnen würde.
Müde setzte er sich auf den Beifahrersitz und wischte sich mit einem Taschentuch über die schweißtropfende Stirn. Es war heiß hier, anders als im kalten verregneten Deutschland und er ärgerte sich, dass er so warm gekleidet war.
Die Fahrt ging zügig über die Autobahn Richtung Norden und er war froh einen Fahrer gefunden zu haben der die Strecke nicht im Schnecktempo hinter sich bringen wollte um mehr Fahrpreis zu erzielen. Von der Beifahrerseite aus hatte er freien Blick auf das Meer, die kleine Orte die schnell an ihnen vorüberhuschten, die Wellen, die gegen die Klippen brandeten und er wusste, dass auf der anderen Seite die Ausläufer des Vulkans waren, die dessen Boden felsig und trocken war .
Nachdem sie La Laguna, die ehemalige Hauptstadt Teneriffas, hinter sich gelassen hatten wurde, es immer wolkiger. Er erinnerte sich an früher – das waren die Passatwolken, doch nachdem die Autobahn eine große Schleife in Richtung Westen gemacht hatte, wurde das Wetter wieder freundlicher und endlich sah er Puerto am Fuße des Orotavatals im Sonnenschein liegen und darüber, scheinbar greifbar nahe, der leicht von Wolken verhangene Teide. Doch er war einfach zu müde, um diese ganzen Eindrücke zu verarbeiten und sich der Schönheit der Insel hinzugeben. Das würde später kommen.
Bald schon hatten sie den Ort Puerto de la Cruz erreicht und der Taxifahrer setzte ihn am Hotel ab. Er bezahlte, nahm sein Gepäck und betrat die Hotelhalle und fand sich wieder in einer anderen Welt. Durch eine bunte Glaskuppel fiel Licht in einen überdachten Innenhof in dessen Mitte ein riesiger Kronleuchter hing. Überall standen Palmen auf den gefliesten Boden, unzählige Sitzmöbel, allerdings unbequem wirkende, luden zum Verweilen ein und ein hölzerner, verzierter Balkon im alten spanischen Stil schien der Weg zu den Zimmern in die erste Etage zu sein.
Er folgte dem Angestellten, der ihn im Namen des Hotels herzlich begrüßt und ihm den Koffer abgenommen hatte hinauf, über die Treppe in den ersten Stock.
Das Zimmer war im alten spanischen Stil eingerichtet, rechts ein großes Bett
ein schöner Kleiderschrank auf kleinen Füßchen, links ein antiker Schreibtisch mit Sessel davor, angrenzend eine kleine Sitzecke und dann kam der Balkon mit einem atemberaubenden Blick auf den Atlantic. Das Meer glitzerte in der nachmittäglichen Sonne und ganz weit am Horizont konnte man eine weitere Insel erkennen.
Erschöpft ließ er sich auf das liebevoll hergerichtete Bett fallen und seine Gedanken wanderten zu Isabells Familie die nur wenige Kilometer von hier entfernt wohnten. Es war ihm bewusst, dass sie irritiert sein würden wenn sie wüssten, dass er ein Hotel für seinen Aufenthalt bevorzugt hatte, aber um nichts in der Welt wollte er seine Unabhängigkeit aufgeben um den Weg zu beschreiten den er sich vorgenommen hatte – die Suche nach seiner Tochter. Waren sie der Grund, dass Melanie hier, in Teneriffa, gesehen wurde? War der Hinweis auf ihren Aufenthalt nur aus der Profilierungssucht eines Mannes geschehen, der auf die Dienste einer Prostituierten angewiesen war und zu feige war unter den Brief seinen vollen Namen zu schreiben? Er wusste es nicht, doch er erinnerte sich an die Eltern seiner Frau, mit denen er nie wirklich in Kontakt gekommen war, die so hilflos und verletzt am Grab ihrer Tochter gestanden und dann, fast wortlos, wieder abgereist waren. Hätten sie ihn angerufen, wenn Melanie bei ihnen aufgetaucht wäre, oder gaben sie ihm noch immer die Schuld an Allem?
Der Gedanke an Schuld hämmerte in seinem Kopf und wieder einmal fragte er sich, ob er nicht hätte alles verhindern können. „Nein“ schrie er in die Leere des Raumes und die lang aufgestauten Tränen benetzten den sorgsam aufgeschüttelten Polster, bis der Schlaf ihn mit auf eine Reise in die Welt der Träume nahm.
Nur widerwillig folgte er dem, ihn unsanft aus dem Schlaf reißenden, Läuten des Telefons und erschrocken stellte er fest, nachdem er einen kurzen Blick auf die Uhr geworfen, dass er fast 12 Stunden geschlafen hatte.
„Ja, Baumann“ meldet er sich noch immer schlaftrunken und hört die Stimme seines Bruders, der, wie immer ohne sich mit langen Vorreden aufzuhalten, sofort zur Sache kommt.
„Sag, schläfst Du noch? Es ist fast 11:00 Uhr. Hast Du schon etwas in Erfahrung bringen können?“
„Walter, was soll das, ich bin doch gestern erst angekommen“ krächzt er mühsam in die Muschel und versuchte die Trockenheit in seinem Mund zu überspielen.
„Warst Du schon bei Deinen Schwiegereltern?“
„Nein“ gab Gustav Baumann zögernd zu und begann sich über den Befehlsgewohnten Ton in der Stimme seines Bruders zu ärgern.
„Hör mal“ antwortete er jetzt kurz „ich melde mich, wenn ich etwas in Erfahrung gebracht habe“ und unterbrach die Verbindung.
Kopfschüttelnd starrte er auf das jetzt wieder, stumm und wartend, vor ihm stehende Telefon. „Er meint es ja nur gut“ hörte er die Worte die seine Mutter immer sagte, wenn er in ihre Arme geflüchtet war um sich wieder einmal bitter über seinen Bruder zu beschweren. „Ja, ja, er meint es ja nur gut“ seufzte er und erhob sich.
Leise Stimmen drangen vom Flur her in sein Zimmer „Paquita, ya arreglaste la habitación 37?“ „No, Lolli, parece que ahi estan durmiendo todavia!" hörte er und ärgerte sich wieder einmal, nie dem Drängen Isabells nachgegeben zu haben, die spanische Sprache zu erlernen. Und, wozu auch, sie hatte durch ihre Tätigkeit beim Landpersonal einer Kreuzfahrt-Gesellschaft auf Teneriffa bestens deutsch gesprochen. Und seine Arbeit im Familienbetrieb hatte ihm nie genug Zeit gelassen, die Muttersprache seiner Frau auch nur annähernd gut zu lernen. Besser ging es ihm mit Russisch. Kein Wunder, die 6 Jahre als 1. Offizier auf der "Nikolai Nikolajew", dem zwischenzeitlich ausgemusterten russischen Kreuzfahrtsschiff, hatten ihm ausreichend Möglichkeit geboten, sogar perfekt russisch schimpfen zu können. Doch natürlich verstand er Bruchteile der soeben geführten Unterhaltung, er wusste auch, dass sich vor seiner Tür anscheinend zwei Mädchen unterhielten die sein Zimmer aufräumen wollten, doch zu sehr viel mehr reichte sein Sprachschatz halt nicht.
Die Dusche hatte ihn erfrischt und schmunzelnd erinnerte er sich an die Wehklageschreie die Isabell ausgestoßen hatte, als sie sich in Deutschland zum ersten Mal kalt geduscht hatte. „In meiner Heimat ist das Wasser zärtlicher zum Körper“ hatte sie ihm erklärt „es erfrischt, aber erschreckt nicht mit eisigen Temperaturen.“
Das flauschig weiche Badtuch nur lässig über die Hüften geschlungen trat er hinaus auf den kleinen Balkon und atmete tief die würzige Meeresluft ein. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal so lange, ohne quälende Träume, geschlafen hatte und er verspürte Hunger. Er hatte keine Ahnung wie lange man in diesem Hotel das Frühstück servieren würde, doch einen kleinen Kaffee bekam man immer und vor allem konnte er sich noch an das Kaffeehaus direkt an der Promenade erinnern, wo man so ziemlich den ganzen Tag ein Frühstück bestellen konnte.
Er hatte nach seiner Ankunft den Koffer nicht mehr ausgepackt, war, um sich nach dem langen Flug etwas Bewegung zu verschaffen, ganz einfach losgelaufen, war stehen geblieben um den, sich fröhlich dem Spiel der Wellen hingebenden, Kindern zuzuschauen, hatte Rast gemacht um ein paar Gläser Rotwein zu trinken und war heimgekehrt um sich nur mehr erschöpft auf das Bett fallen zu lassen. Stirnzrunzelnd zog er jetzt das, von seiner Schwägerin noch sorgfältig frisch aufgebügelte, Leinensakko mit der passenden Hose heraus und wunderte sich, wie in so wenigen Stunden so viele Knitter ihren Platz auf einem Stück Stoff finden können. „Eine leichte Jeans mit einem frischen Hemd muss auch genügen“ dachte er und verstaute die restlichen Sachen in dem Kasten.
Als er die Uhr, die er vor dem Duschen abgenommen hatte wieder über sein Handgelenk schob, musste er lachen. Weder er, noch sein Bruder hatten daran gedacht, dass die Uhr hier zurückgestellt werden muss und er eine ganze Stunde gewonnen hatte.
"Buenos dias, Se?or, " begrüßten ihn am Flur zwei, mit Wäschewagen und Putzutensilien bewaffnete junge Frauen, in ihren grünen Arbeitsuniformen und Häubchen auf den Köpfen.
"Buenos dias, yo llegar ayer," kramte Gustav Baumann die wenigen Vokabel, an die er sich noch erinnern konnte, hervor und freute sich diebisch, dass die Beiden sein Gebrabbel, dass er gestern erst angekommen sei, anscheinend verstanden hatten.
Aus dem Restaurant im Erdgeschoss drangen Klappergeräusche von Tellern und Töpfen an sein Ohr und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee hob seine Stimmung gewaltig. So muss der Tag beginnen, gutes Wetter, ein gutes Frühstück und dann sieht alles schon ganz anders aus.
Nachdem er ausgiebig gefrühstückt hatte, es war übrigens seine erste Mahlzeit seit dem Imbiss an Bord der airberlin am gestrigen Tag, beschloss er ein paar Schritte zu gehen und sich Gedanken über sein weiteres Vorgehen machen. Sich genussvoll eine Zigarette anzündend, verließ das Hotel, blickte jedoch zurück als ihm plötzlich die Geschichte einfiel, die ihm Isabell über das Casa Cólogan, wie das Hotel Marquesa früher geheißen hatte, erzählt hatte. Alexander Humboldt dürfte bei seinem kurzen, nur 5 Tage dauernden Aufenthalt in Teneriffa im Jahr 1799 hier gewohnt haben und die Urväter der Familie Cólogan, die das Haus bis Ende des 18. Jahrhunderts besaßen, hatten, soviel sich Gustav Baumann an die Hinweise seiner Frau erinnerte, maßgeblich am wirtschaftlichen Aufschwung mitgewirkt. Natürlich waren die Nachfahren, dieser hoch angesehenen Familie, Freunde seiner Schwiegereltern und so wusste er auch aus Erzählungen, dass das Landhaus der Cólogans in einer kurzen Geschichte von Agatha Christi die Hauptrolle spielte.
Plötzlich war sie wieder da, die Erinnerung an den Tag als er Isabell diesen schmalen Ring mit dem funkelnden Diamanten, den er auf einer seiner Routen über Südafrika für sie erstanden hatte, über den Finger gestreift hatte und sie diesen sehnsuchtsvollen Blick auf das Meer geworfen hatte. „Du willst wirklich die Seefahrt aufgeben“ hatte sie geflüstert „und mit mir, hier in Teneriffa leben?“ „Liebes, ich habe hier keine Chance eine Familie zu ernähren. Ich beherrsche die Sprache nicht, ich bin mit den Eigenheiten dieser Menschen nicht vertraut. Kannst Du Dir jedoch vorstellen mit mir nach Deutschland zu gehen?“ Fast war es ihm, als könnte er den Duft ihres Haares noch riechen, als sie sich an ihn gelehnt, und dieses heiß ersehnte Wort „Ja“ gehaucht hatte.
Schräg gegenüber von dem Hotel lenkte er seine Schritte zu diesem schmalen Weg und die Treppe, die anscheinend zu einem kleinen Park führten. Auf den Bänken, die um den in der Mitte befindlichen, mit unzähligen Schwänen verzierten, Brunnen aufgestellt waren, saßen nur ein paar alte Frauen die ihn freundlich, aus zahnlosen Mündern anstrahlten. Sie hatten ihre schweren Einkaufstaschen abgestellt und genossen sichtbar den Schatten der mächtigen Palmen, bevor sie ihren Weg fortsetzen würden.
Mit „Hola“ beantwortete er ihren Gruß und suchte einen etwas abseits gelegenen Platz, an dem er ungestört nachdenken konnte.
Wie um ihn an die fortschreitende Zeit zu mahnen, begannen die Glocken der Kirche zu läuten und, fast schuldbewusst, erhob er sich um seinen Weg fortzusetzen. Sie heißt „Iglesia de nuestra Se?ora de la Pe?a de Francia“, fiel ihm plötzlich der Name dieser Kirche ein und schmunzelnd erinnerte er sich an die, von Isabell so perfekt gespielte Empörung, wenn sie ihm vorwarf nicht zuzuhören, während sie versuchte ihm die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat näher zu bringen. „Ich habe Dir immer zugehört, aber oft auch nur, um den Klang Deiner Stimme zu hören“ dachte er wehmütig und tauchte ein in den Strom der Touristen der langsam der Punta del Viento, jenen atemberaubenden Aussichtplatz am Ende der Flanierstrasse entgegenströmte.
„Baumann, Guten Tag“ meldete er sich mit geschäftsmäßigen Ton als sein Mobiltelefon läutete „was kann ich für Sie tun?“
„Mayer, ich warte noch immer auf den versprochenen Kostenvoranschlag“ hörte er die, wie immer gehetzt klingende, Stimme eines seiner Kunden, der gedachte ihn mit einem Großauftrag über 12 m2 Teppichfließen zu betrauen.
„Herr Mayer“ antwortete er höflich „ich habe ihn bereits unserer Sekretärin weitergegeben und, soviel ich weiß, müsste er noch heute an Sie abgehen.“
„Was heißt hier, soviel Sie wissen. Dann fragen Sie doch gleich einmal nach.“
„Verzeihen Sie“ unterbrach ihn Gustav Baumann noch immer höflich „aber Sie rufen auf meinem Mobiltelefon an und ich bin derzeit nicht im Büro.“
„Dann komme ich heute am Nachmittag bei Ihnen vorbei und dann können wir nochmals darüber sprechen.“
„Herr Mayer, ich bin nicht in Deutschland und Sie können sicher sein, dass Sie das Angebot in den nächsten Tagen in der Post finden.“
Die kurze Sprechpause wurde von einer fast empört klingenden Frage unterbrochen „was heißt Sie sind nicht in Deutschland“ blaffte der Kunde ins Telefon „wo treiben Sie sich denn herum?“
„In Teneriffa“ antworte ihm Gustav Baumann wahrheitsgemäß und murmelte noch etwas von schlechter Verbindung bevor er das Gespräch unterbrach.
„Leck mich doch am Arsch“ pfauchte er noch genervt auf das, jetzt stumm in seiner Hand liegende Gerät, und schaltete es komplett aus.
Mit den, im Vorübergehen bei dem vor der Kirche befindlichen Kiosk, gekauften, deutschsprachigen Zeitungen, fächelte er sich, wie um den empfundenen Ärger zu verscheuchen, frische Luft zu, und war fast verwundert, dennoch in spanischer Sprache angesprochen zu werden.
Der geschäftstüchtige junge Mann vor dem Laden mit den unzähligen Fotoapparaten, Videokameras und Mobiltelefonen schien ihn von den Vorteilen eines Einkaufs in seinem Laden überzeugen zu wollen, doch er konnte nur verzweifelt abwinken, weil er dem, unendlich schnell gesprochenen Wortschwall nicht folgen konnte. „Perdonne sólo hablo aléman“ unterbrach er ihn und war verblüfft über das perfekte Deutsch mit dem er eine Antwort erhielt. „Das ist kein Problem“ hörte er ihn sagen und eine Entschuldigung für sein Versehen murmeln.
Während er noch ein paar Worte der Höflichkeit mit dem jungen Mann tauschte fiel sein Blick auf die angebotenen Mobiltelefone und er beschloss eines davon zu erwerben um Anrufe aus seinem Kundenkreis, wie dem soeben erfolgten, zu vermeiden.
Zufrieden mit dem getätigten Kauf und ein wenig Stolz auf sein Verhandlungsgeschick, dass er für den geforderten Preis noch einen weiteren Akku als Geschenk bekommen hatte, wanderte er, vorbei am Café de Paris und den berühmten Martianez Bädern, die wie er wusste von dem bekannten Architekten César Manrique geplant worden waren, in Richtung Avenida Generalisimo, wo er wusste, dass einige Autovermietungen ihre Dienste anboten.
„Can I help you“ fragte ihn die kühle Blonde die, scheinbar genervt einen weiteren Kunden bedienen zu müssen, gelangweilt in dem, gut klimatisierten Büro, der Autovermietung saß.
„Ich brauche einen Wagen“ antwortete er auf Deutsch und nahm, ohne ihre Aufforderung abzuwarten, auf dem vor ihren Schreibtisch stehenden Sessel Platz.
„Welche Kategorie wünschen Sie denn“ sagte sie jetzt, ohne ihn anzublicken, und zu seiner Verwunderung mischte sich in ihre Worte dieser unverkennbare sächsische Dialekt.
„Was haben Sie denn anzubieten“ fragte er leicht irritiert über diese unhöfliche Art mit Kunden umzugehen und fügte mit leicht ironischen Unterton noch hinzu „an einen Maybach wäre ich vielleicht interessiert.“
Er hatte es geschafft, denn verblüfft hatte sie aufgehört in den vor ihr liegenden Prospekten zu blättern und blickte in an.
„Der ist gerade vermietet“ sagte sie jetzt verlegen „aber einen Fiat Punto könnte ich Ihnen anbieten. Wir haben ja im Moment Hochsaison, da sind alle Wagen unterwegs.“
„Mein liebes Fräulein“ lachte jetzt Gustav Baumann herzlich „ich nehme ja nicht an, dass sie einen Wagen in der Preisklasse von rund 500.000,-- Euro Neupreis in ihrem Wagenpark stehen haben, und ich könnte mir wahrscheinlich nicht einmal den Mietpreis für einen Tag leisten, aber ich habe es doch geschafft, dass Sie mich überhaupt zur Kenntnis nehmen. Nicht wahr! Aber jetzt sagen Sie mir ganz einfach, welche Modelle für zirka 14 Tage zu mieten sind. Ich dachte an einen Jeep, oder etwas ähnliches.“
Zu seinem Bedauern stimmte sie nicht in sein Lachen ein, sondern bedachte ihn mit einem bitterbösen Blick, und er war froh, dass nur wenige Formalitäten zu erledigen waren und sie ihm zusicherte, dass er den Wagen in ungefähr einen halben Stunde hier vor ihrem Büro würde abholen können.
Die Hitze traf ihn mit voller Wucht als er von dem klimatisierten Büro aus wieder ins Freie trat und nach einem Blick auf die Uhr beschloss er in die, schräg visavis liegende und einladend wirkende, Bar zu gehen.
„Un café sólo“ sagte er, noch bevor er sich einen Platz gesucht hatte, und bemerkte die ihn aufmerksam beobachtende Gruppe älterer Damen, die in einer Ecke der gut besuchten Bar saßen.
„Manchmal empfinde ich diese Insel wie ein Eiland der verlorenen Herzen“ hatte Isabell einmal zu ihm gesagt und ihn auf die unzähligen, einsam wartenden und herausgeputzen Damen hingewiesen, die, ihre Juwelen als Lockmittel benutzend, auf der Suche nach einem späten Glück waren.
„Ihr gehört wohl auch dazu“ dachte er und öffnete eine der mitgebrachten Zeitungen.
Er fand schnell was er suchte, staunte über die Vielzahl der Angebote die unter dem Begriff „Begleitservice“ lockend um Kunden warben und er spürte diesen Zweifel, der wie schleichendes Gift, in seine Gedanken drang.
„Wie werde ich ihr gegenübertreten? Was werde ich ihr sagen, wenn ich sie wirklich finde? Wenn sie wirklich hier her geflohen ist um zu vergessen?“
Mit jetzt zitternden Händen tippte er die in der Zeitung veröffentlichte Nummer. Eine sonore Männerstimme meldete sich“ Kontaktservice Nord, can I help you?“
„Ja,“ sagte er „sprechen Sie Deutsch.“
Am anderen Ende der Leitung erklärte ihm eine sonor klingende Männerstimme, dass er natürlich auch Deutsch mit ihm sprechen könne und fragte nach seinen Wünschen.
„Ich suche eine Begleitung“ antwortete er zögernd „ein junges Mädchen, ungefähr 22, groß, schlank und blond.“
Er hielt inne, versuchte seine Gedanken zu ordnen, überlegte ob sie, seine Tochter wohl noch diesen goldschimmernden Haarton hatte, oder ob sie ihr Aussehen verändert hätte.
„Sie soll eine Deutsche sein“ fuhr er fort und überlegte krampfhaft ob er weitere Angaben machen solle.
„Wir solche Mädchen im Angebot“ unterbrach der Mann von dem Kontaktservice seine Gedanken und fragte für wie viel Tage er gedenke seine Begleitung zu buchen.
Gustav Baumann war empört über die etwas derbe Ausdrucksweise. „Seine Tochter“ schrie sein Herz gequält aus „vielleicht auch noch im Sonderangebot des Ausverkaufs.“
„Hören Sie“ sagte er jetzt aufgeregt, mit erhobener Stimme „ich suche eine junge Frau, mit der ich einen netten Abend verbringen kann. Verstehen Sie mich?“
Die Empörung der drei Grazien vom Nachbartisch machte sich durch Bemerkungen wie „schämen sollte sich der alte Trottel“ und so gar nicht der Garderobe der Damen angepasste Worte wie „geiler alter Bock“ bemerkbar.
Peinlich berührt unterbrach er die Verbindung, nahm noch einen Schluck von seinem Café Solo, zahlte und verließ fluchtartig die Bar.
Nach einer unendlich langer Wartezeit, die seine Geduld bis auf das äußerste strapazierte war der Wagen zu dem Büro gebracht worden und gereizt hatte er dem Fahrer den Übergabeschein unterzeichnet und war davon gebraust.
Dreimal war er nun schon die Runde gefahren, ohne einen Parkplatz zu finden. Da endlich – er trat abrupt auf die Bremse. Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite verließ ein Wagen eine Parklücke. Kurz entschlossen wendete Baumann, um sich den wertvollen Platz zu sichern. Gerade wollte er in die Lücke zurücksetzen, da jaulte von der anderen Straßenseite kurz eine Sirene auf. „Mist!“, dachte er, „ausgerechnet die Guardia Civil.“ Baumann hatte nichts Gutes von der strengen spanischen Polizei gehört. Und dass die beiden Polizisten in ihrem Streifenwagen gesehen hatten, dass er beim Wenden die durchgehende weiße Linie in der Straßenmitte überfahren hatte, war ihm sofort klar.
„Na, das kann teuer werden, ich Idiot!“, schimpfte er in sich hinein. Das spanische Bußgeldregister war schließlich ein teurer Spaß, wenn man hineintappte. Schnell kurbelte er sein Fenster herunter und setzte sein „unschuldig-zerknirscht“ Gesicht auf.
„Sie sind soeben über die geschlossene, weiße Linie gefahren.“, rief der Polizist zu ihm herüber.
„Ja, das tut mir sehr leid. Ich habe die Linie nicht gesehen.“, erwiderte Baumann und zweifelte daran, dass sich die beiden mit einer Entschuldigung zufrieden geben würden?
Doch der Beamte ließ noch nicht locker: „Woher stammen Sie?“
„Ich bin Deutscher.“, antwortete Baumann mit einem unsicheren, fast entschuldigenden Lächeln.
„Darf man in Deutschland über eine geschlossene, weiße Linie fahren?“ „Nein, natürlich nicht.“, versuchte Baumann sich in ein volles Schuldeingeständnis zu retten.
„Aha“, erhielt er als Antwort, „und hier ist das auch nicht gestattet. Halten Sie sich bitte daran. Noch einen Guten Tag!“
Mit einem nicht sehr intelligenten Gesichtsausdruck blickte Baumann dem rasch weiter fahrenden Streifenwagen hinterher. Fast verblüfft, dass er mit dieser Ermahnung davon gekommen war, grinste er schließlich und parkte ein.
Noch immer über das soeben Erlebte wanderte er schmunzelnd die Calle blanco hinunter zum Plaza Charco, jenem Platz auf dem, laut historischen Aufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts jene, jetzt so imposanten, Gummibäume, die „Laurel de India“, gepflanzt wurden. Er glaubte nicht an Vorbestimmung, glaubte nicht daran, dass, so wie seine Schwägerin immer behauptete, nichts im Leben dem Zufall überlassen sei, und glaubte auch jetzt nur einem Trugbild zu erliegen als er ihn, im Gegenlicht der Sonne nur unscharf erkennend, stehen sah.
Gustav Baumann erschrak, erinnerte sich an die, ihn so schmerzlich getroffenen Worte, als er, kurz nach Verschwinden Melanis, bei seinen Schwiegereltern angerufen hatte um mit seinem so dürftigen Wortschatz zu fragen ob sie vielleicht hier her geflüchtet war. „Le llamaré detrás“ hatte er nur gesagt und war anscheinend in sein officina gefahren, wo Filipa, die perfekt Deutsch sprechende Sekretärin seines Schwiegervaters seit mehr als 25 Jahren die Launen des Don Pérez Barroso de la Pe?a ertrug. „Er lässt fragen ob er Ihre Worte richtig verstanden hat und seine Enkeltochter verschwunden ist“ hatte sie gesagt, als wenig später das bei ihm das Telefon geläutet und sie sich gemeldet hatte. Er hatte gehört dass sie die Lautsprechanlage zugeschaltet hatte und vernahm die scharf gesprochenen Zwischenrufe die der Alte während seines Berichtes dazwischen warf. „Er lässt fragen, seit wann sie seine nienita vermissen und welche Schritte sie eingeleitet haben“ übersetzte sie emotionslos die Fragen seines Schwiegervaters weiter. „Melanie ist nicht nur seine nienita, sie ist auch meine Tochter“ hatte er in das Telefon gebrüllt „und ich suche Sie seit fünf Tagen.“ Er wusste, dass sie nicht alles, was sein Schwiegervater jetzt sagte, ihm wortgetreu übersetzte, vernahm jedoch Worte wie „fracasado“ was soviel er wusste, Versager hieß, aus dem Hintergrund und hatte den Hörer mutlos weggelegt, als sie ihm sagte, dass Melanie nicht bei ihren Großeltern war und Don Pérez Barroso de la Pe?a sich melden würde, wenn Melanie auftauchen sollte.
Er hatte in den vergangenen vier Jahren nur noch dreimal einen Anruf erhalten und jetzt, plötzlich stand er da. Hoch aufgerichtet, wie immer, mit diesem unvermeidlichen dunklen Anzug und dem blütenweißen Hemd bekleidet und den zierlichen silbernen Spazierstock locker in der Hand haltend, stand er da, schien auf jemanden zu warten und seine Blicke tasteten suchend die Menge ab.
„José Manuel“ wollte er schon rufen und unterließ es, als er dieses markante Gesicht sah, dass jetzt in seine Richtung blickte um sich doch, scheinbar einem Ruf folgend, von ihm abwandte.
Seine Blicke verfolgten ihn, sahen, wie er einen ebenfalls distinguiert aussehenden Mann begrüßte und sie gemeinsam die Bank betraten.
„Er macht seine Geschäfte“ dachte Gustav Baumann bitter „er geht seinem Tagwerk nach, wie wenn nichts geschehen wäre.“
Es war ihm bewusst, dass er rasch weitergehen sollte, wollte er José Manuel nicht direkt in die Arme laufen, um ein weiteres, unerfreuliches, Kapitel in der nie enden wollenden Geschichte ihrer Missverständnisse zu schreiben, doch er blieb stehen, wie auf ein Zeichen wartend.
„Welche Größe wünschen Sie“ hörte er plötzlich eine Stimme neben sich die ihn aus seinen Gedanken riss.
„Wie bitte“ antwortete er erschrocken und bemerkte erst jetzt, dass er total in seiner Erinnerung gefangen, unbewusst einige Hosen, die auf einem Ständer vor einem Laden zum Verkauf angeboten wurden, in der Hand hielt.
„Ich weiß es nicht“ sagte er unbeholfen „es ist lange her, dass ich etwas für mich gekauft habe.“
Die Deutschkenntnisse der jungen Verkäuferin schienen sich auf nur wenige Brocken zu beschränken, aber sie nahm ihm, freundlich lächelnd, die unzähligen Hosen, die er noch immer, fest umklammert, in der Hand hielt ab und führte ihn in das Innere des Ladens.
Sie war jung und hübsch, für seine Begriffe für diese Tageszeit etwas zu grell geschminkt, aber sie hatte, mit kundigem Blick, seine Größe ermittelt und ihm einige der Exemplare zum Probieren gegeben.
„So sieht also ein Mann aus, der im Begriff ist eine Hose zu kaufen die er nicht braucht, der von wildfremden Frauen als alter Trottel beschimpft wird und sich vor seinem eigenen Schwiegervater versteckt“ dachte er während er sich, durch die großflächige Auslagenscheibe noch immer die Bank beobachtend, in eine lächerlich kurze Hose zwängte.
Kopfschüttelnd warf er einen Blick in den Spiegel und es schien ihm, als sehe er diesen 45-jährigen Mann mit dem dunklen, aber bereits schütter werdendem Haar und dem blassen Gesicht, seit langem, das erste Mal wieder. „Du bist alt geworden“ murmelte er leise und die anerkennenden Worte der Verkäuferin die hinter ihn getreten war und „muy bueno“ sagte wirkten wie Hohn auf ihn. „Sie meint nur die Hose“ sagte er erklärend zu seinem Spiegelbild und musste plötzlich schallend lachen, als er sich der Komik dieser Situation bewusst wurde. „Was soll´s“ sagte er zu der Verkäuferin die ihn verwundert anblickte „ich nehme diese Hose und werde jetzt zurück in das Hotel gehen und eine Vermittlungsagentur für hübsche junge Mädchen anrufen, egal ob mein Schwiegervater mich sieht oder nicht.“
„De nada“ sagte sie und er war Heil froh, dass sie ihn nicht verstanden hatte.
Bereits 1502 wurde Puerto de la Cruz erstmals urkundlich erwähnt und diente den Bewohnern, des etwas höher gelegenen Städtchens La Orotva, als Anlegeplatz für Güter des täglichen Bedarfs. Die Schiffe ankerten etwas außerhalb des heutigen Playa Jardin und die Ladung wurde mit Booten an den Strand gerudert, um dann, von Maultieren gezogenen Wagen, weitertransportiert zu werden.
„Damals“ so hatte ihm Isabell einmal erzählt „wählten die Bewohner der Insel bewusst die höher gelegen Orte, wie zum Beispiel auch die einstige Hauptstadt La Laguna, um sicher zu sein vor Überfällen der Portugiesen und nordafrikanischer Piraten.“
„Ich habe mich schon immer gefragt warum sich Deine Familie in dem zwar wunderschönen, aber doch ziemlich weit vom Hafen entfernten La Orotava niedergelassen hat“ hatte er, erstaunt über ihre geschichtlichen Kenntnisse, sie zum Weitererzählen motiviert.
„Niemand, der etwas auf sich hielt, hätte sich hier in diesem Viertel niedergelassen“ hatte sie weiter berichtet „hier wohnten nur die Ärmsten der Armen. Sie verdienten ihr Geld indem sie die Waren, auf den Köpfen balancierend, durch die Gassen Puertos, bis hinauf in die Häuser der Reichen schleppten, mühselig dem Meer abgerungene Fische verkauften, oder sonstige, wie immer geartete Dienste anboten.“
Wie so oft, seit dem er in Teneriffa gelandet war, hatte er das Gefühl er müsse sich nur schnell genug umdrehen um sie hinter sich stehen zu sehen, um ihren verständnisvollen Gesichtsausdruck zu sehen, wenn sie das Gefühl hatte ihm Dinge zu erzählen die ihn nicht interessierten, und ,um ihr sagen zu können wie sehr er sie liebe. Auch jetzt drehte er sich um, sah jedoch nur in diese fremden Gesichter, die, bewaffnet mit Kameras und Fotoapparaten, versuchten einen Hauch dieser Stadt mit nach Hause zu nehmen.
Gustav Baumann ließ sich treiben, tauchte ein in die Masse der Touristen, die scheinbar zielstrebig, ihren Weg verfolgten, um dann doch, müßig vor den Auslagen der Geschäfte stehen zu bleiben, um die angebotenen Waren zu begutachten und fand sich wieder in der Strasse wo er am Abend zuvor den Wagen geparkt hatte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend stieg er in den Wagen, lenkte ihn hinaus aus der Stadt, den Schildern Richtung Icod de los Vinos folgend und erreichte, kurze Zeit später, jene Anhöhe, von der aus man diesen traumhaften Blick auf das ehemalige „Casita“ wie Isabell das Landhaus ihrer Familie so liebevoll nannte, werfen konnte. Eingebettet von einer fast unüberschaubar großen Bananenplantage lag es da, dieses Häuschen, das jedoch eher an ein kleines Schloss erinnerte.
„Sie hat hier eine unbeschwerte Kindheit verbracht“ dachte Gustav Baumann wehmütig und die fast beschwörend gesprochenen Worte seines Arztes hämmerten jetzt in seinem Kopf.
„Du musst die Trauer leben“ hatte er immer wieder eindringlich gemahnt wenn er ihn wegen dieser immer wieder auftretenden Herzschmerzen aufsuchte „Du darfst den Schmerz nicht verdrängen. Du musst nicht mit mir darüber sprechen, aber sprich mit irgendjemanden, auch wenn es in einer Kneipe ist, oder mit Deinen Freunden vom Tennisplatz.“ Doch Gustav Baumann hat geschwiegen. Er hatte geschwiegen als Melanie nach dem Warum fragte. Er hatte geschwiegen als die Vorwürfe seiner Tochter immer heftiger wurden „Du hast doch den Wagen gefahren als der Unfall passierte!“ Er schwieg wenn sie ihn vorwurfsvoll anblickte, wenn er zum Essen ein Glas Bier trank und sie ihn auf die Sterbensrate durch Alkohol hinwies. Er hatte sich in die Arbeit gestürzt, die Einladungen von Freunden ausgeschlagen, den Tennisplatz, wo er sonst so gerne war gemieden und, er hatte keine Tränen, als Melanie eines Tages verschwunden war.
Erst jetzt, mehr als vier Jahre nach dem Tod Isabells und erst jetzt, mehr als drei Jahre nach Melanies Verschwinden, saß er, auf diesem kleinen Felsvorsprung, direkt neben der Strasse und ließ den Tränen freien Lauf.
Es war kurz nach 14:00 Uhr als Baumann zurück in das Hotel kam und ihm der junge Mann am Empfang vertraulich zuwinkte.
„Ich habe gefunden was Sie suchten“ sagte er „Sie treffen die Chica heute Abend um 19:00 Uhr im Restaurant Monasterio.“
„Wie erkenne ich Sie“ fragte Gustav Baumann kurz.
„So wie Sie wünschten. Sie ist Deutsche, groß und blond und etwas über 20 Jahre. Nur ein kleines Problem gibt es“ stöhnte er jetzt und verzog das Gesicht „sie kommt aus dem Süden und ich habe der Vermittlung zugesagt, dass Sie die Fahrtkosten übernehmen.“
„Das ist in Ordnung“ antwortete Baumann und überlegte wie viel Provision dem jungen Mann wohl versprochen worden war.
Obwohl er seinen Koffer nicht ausgepackt, sondern nur die wenigen Dinge, die er gerade gebraucht, herausgenommen hatte, lag er jetzt geschlossen auf dem kleinen Beistelltischchen und seine Sachen waren ordentlich geschlichtet in die Kästen verstaut worden.
Beim Anblick des zwischenzeitlich ziemlich ramponiert aussehenden Koffers musste er an eine der kleinen Anekdoten denken, mit denen Melanie als kleines Mädchen sie immer wieder, mit ihrer naiven, entzückenden Art, zum schmunzeln gebracht hatte.
"Mama, wo ist eigentlich Spanien ? Ist das da, wo Oma Candy und Josepe wohnen? Und wo ich während der fiesta vor der Bühne tanzen durfte?"
"Meli, ja, das weisst du doch !? Spanien ist das Land, in dem ich geboren wurde und den Papa kennen gelernt habe, und wo abuelita Candela und abuelo José immer noch leben...", hatte Isabell mit ihrer sanften Stimme geantwortet.
"Wann fahren wir da wieder hin? Morgen früh?"
Isabell erwiderte lächelnd: "Nein meine Süsse, morgen nicht, erst in den Ferien!"
"Och schade, das dauert ja noch SO lange...wie oft muss ich noch schlafen?"
"Nur noch 10 mal schlafen, Meli, so oft wie du Fingerchen an deinen Händen hast ! Dann packen wir unsere Koffer und fahren los!"
Sie hatte die kleinen Kinderhände genommen und zu zählen begonnen: "...der Daumen ist heute, der Zeigefinger ist morgen, der Mittelfinger ist die dritte Nacht..." und so ging das weiter bis zum zweiten kleinen Finger.
Gustav erinnerte sich an jedes Wort seiner verstorbenen Frau, an ihre Stimme, ihre geschmeidigen Bewegungen, jene liebevollen Gesten, mit denen sie dem Kind ihre bedingungslose Zuneigung entgegen brachte. Sogar jetzt, in dem Augenblick , an dem er an Melanies denkwürdigen Satz denken musste, huschte ein Lächeln über sein sonst so verdunkeltes Gesicht:
"Ich muss auch einen Koffer packen, aber einen, in dem Löcher drin sind !"
Isabel stutzte: "Löcher? Warum sollten in deinem Koffer Löcher sein?"
"Na weil ja sonst meine Kuscheltiere keine Luft mehr kriegen ! Nicht wahr, Papa?"
Fast schämte er sich, als er auf den zwischenzeitlich haarlosen, Stofftiger schaute, der jetzt einsam und verlassen den Schreibtisch des Herrn Gustav Baumann, Kaufmann auf einer Reise nach Teneriffa, zierte.
An der Nordflanke eines kleinen Kegelberges, in einer ehemaligen Klosteranlage, nahe Puerto de la Cruz, wurde sehr liebevoll die Restaurantanlage El Monasterio aufgebaut. Gustav Baumann kannte dieses hervorragend geführte Haus von früheren Besuchen und auch die Vorteile, dass es aufgeteilt in verschiedene Restaurants, trotz seiner Größe doch sehr intim war. Nervös fingerte er an seiner, eigentlich perfekt gebundenen, Krawatte als er den heraneilenden Kellner um einen schönen Fensterplatz ersuchte und erwähnte, dass er noch auf eine junge Dame warte.
Er war zu früh gekommen, versuchte die fantastische Sicht auf das Tal und die Barancos des Esperanza-Waldes auf sich wirken zu lassen und fühlte doch nur Panik in sich aufsteigen. „Wie reagiere ich, wenn es Melanie ist? „ fragte er sich wohl zum hundertsten Mal „wie reagiert Sie, wenn sie mich sieht?“
Doch es war nicht seine so sehnsüchtig erwartete Tochter die jetzt suchend am Empfang stand und anscheinend nach einem einsam wartenden Mann fragte. Ihm stockte der Atem als er diese auffallend gekleidete junge Frau sah und normalerweise hätte ein anerkennend bewundernder Pfiff seine Überraschung begleitet, so jedoch fühlte er nur maßlose Enttäuschung. Sie war groß, mindestens 1,75 m, hatte fast unnatürlich langes blondes Haar, war braun gebrannt und der kurze Rock, begleitet von einem Nichts als Oberteil zeigte einen makellosen Körper. Sie winkte ihm zu, näherte sich mit diesen schier endlos langen Beinen die in gefährlich hohen, Strass besetzten, Sandaletten steckten und wisperte „Hey, Süßer. Wir scheinen eine Verabredung zu haben“, wobei sie sich anscheinend bemühte den unüberhörbaren Sprachfehler zu überspielen.
„Nichts ist vollkommen“ durchzuckte es Gustav Baumann während er sich höflich erhob und ihr Platz anbot und unterdrückte ein fast haltlos aufsteigendes Lachen.
„Hast Du schon lange gewartet“ fragte sie jetzt und schob ihm eine Kostenaufstellung über den Tisch „das Geschäftliche sollten wir vor dem gemütlichen Teil des Abends erledigen und, verzeih, aber der Taxifahrer wartet draußen auf seinen Fuhrlohn.“
Sie war charmant und trotz ihres „S“-Fehlers führten sie während des hervorragenden Dinners eine angeregte Unterhaltung. Er fragte sie woher sie komme, war etwas enttäuscht, dass sie von Neuss am Rhein anscheinend noch nie etwas gehört hatte und führte das Gespräch immer wieder auf die Agentur für die sie arbeite und eventuelle Kolleginnen.
„Ich bin wohl nicht der Traum Deiner schlaflosen Nächte“ sagte sie und nahm sichtbar beleidigt einen weiteren tiefen Schluck vom Rotwein, den sie anscheinend genoss.
„Ich will nur einen netten Abend mit Dir verbringen“ erklärte er jetzt irritiert „und vielleicht ein bisschen etwas erfahren über das was Du machst.“
„Gehörst wohl zu der Sorte, die meinen Beruf als anrüchig empfinden, aber doch die Dienste einer Vermittlungsagentur in Anspruch nehmen.“
„Du verstehst das nicht richtig“
„Oh doch“ unterbrach sie ihn „zu Haus, brav mit Muttchen den Abend beim Fernsehen und den Urlaub mit einem flotten Feger verbringen wollen. Vielleicht noch ein bisschen grapschen. Aber nee, nicht bei mir. Ich geh jetzt mal pieseln und Du denk nach was wir mit dem angebrochenen Abend noch anfangen wollen.“
Er blickte ihr fassungslos nach, sah, wie sie sich unsicher erhob und mit ihren hohen Stilettos vorsichtig dem Ausgang zustrebte. Unsagbare Übelkeit stieg in ihm auf als er sich bewusst wurde in welchem Milieu seine Melanie gelandet sein musste. Schnell entschlossen rief er den Kellner, ersuchte um die Rechnung und verließ, nachdem er bezahlt und ihn ersucht hatte für die Dame ein Taxi zu bestellen, fluchtartig das Restaurant.
Wie von Furien gehetzt lief er den kleinen Pfad entlang, den Berg hinauf wo eine kleine Kapelle steht, verließ den befestigten Weg, inzwischen schluchzend, seinen Kummer laut in die Welt schreiend, taumelte über loses Gestein und Wurzeln stolpernd und fiel. Zuerst rutschte er nur leicht ab, fühlte wie der Boden unter ihm nachgab, ihm den Halt entzog und nichts mehr seinen Fall in die Tiefe aufhielt.
Seltsam fremd klingende Stimmen begleiteten ihn auf seinem Weg aus der Bewusstlosigkeit und das grelle Licht einer Taschenlampe fing sich schmerzhaft in seinen Augen als er versuchte sie zu öffnen.
„Puede oírme“ fragte ihn diese, wie aus weiter Ferne, kommende weibliche Stimme und er spürte wie eine Hand ihn sanft zurückdrängte als er versuchte aufzustehen.
„Was ist passiert“ wollte er fragen, doch nur heiseres Krächzen kam aus seiner ausgetrockneten Kehle.
„Tranquila, soy Doctoresa Meneses Huber, habla espa?ol?”
Sein Blick erfasste sie, er sah in diese großen dunklen Augen die ihn prüfend betrachteten, registrierte das Stethoskop mit dem sie seinen Puls maß und bemerkte den leichten Einstich in seiner Armbeuge.
Er versuchte ihr zu erklären, dass er aus Deutschland komme, dass er nur wenig Spanisch verstünde, dass er den Halt auf diesem steinigen Weg verloren habe, doch er schaffte es nur zaghaft seinen Kopf zu schütteln.
„Die Schmerzen werden gleich verschwinden“ sagte sie beruhigend und führte ihm ein Flasche mit Wasser an den Mund. „Trinken Sie nur ein paar Schlucke. Ihr Kehle scheint ausgetrocknet zu sein.“
Seine Gedanken überschlugen sich, versuchten zu rekonstruieren was geschehen sei, woher diese Menschen kam die ihn umringten, warum zwei Sanitäter versuchten ihn auf eine Bahre zu legen.
„Können Sie mir sagen wie Sie heißen“ fragte ihn jetzt die Ärztin, die im Begriff war sich zu erheben.
„Baumann“ sagte er „Gustav Baumann“ und wunderte sich so plötzlich seine eigene Stimme zu hören.
„Wir bringen Sie jetzt ins Spital um noch ein paar Untersuchungen zu machen. Sie hatten Glück, dass Sie anscheinend so schnell gefunden wurden.“
Er wollte sich wehren auf dieser Bahre festgezurrt zu werden, wollte fragen wer denn die Ambulanz verständigt habe, doch die Injektion die ihm die Ärztin verabreicht hatte schien ihre Wirkung zu erzielen und er ließ geschehen was sie mit ihm machten.
Trotz der späten Stunde, es war, wie er durch einen Blick auf die Uhr bemerkte, zwischenzeitlich fast zwei Uhr geworden, herrschte in der Ambulanz des Spitals hektisches Treiben. Sie hatten ihn untersucht, Röntgenaufnahmen seines Kopfes gemacht, die Wunde an seiner Schläfe versorgt und ihm mitgeteilt, dass sie ihn für eine Nacht zur Beobachtung stationär aufnehmen würden. Sie nahmen seine Daten auf, fragten ob jemand zu verständigen sei, brachten ihn auf ein Zimmer in dem ein weiterer Patient lag und verabreichten eine weitere Spritze, damit die pochenden Schmerzen in seinem Kopf gelindert werden würden und er versank in das Reich der Träume.
Seltsame Bilder flackerten durch seinen Geist. Er hörte Stimmen, versuchte sie zuzuordnen, glaubte seinen Namen zu hören und verlor sich doch wieder im Reich der Phantasie. Wachen, schlafen – die Ebenen verschoben sich …
Vor ihm erhob sich die riesige Felswand. Seinen Körper durchlief ein leichtes Zittern. Unsicherheit ergriff ihn, während er den Fels mit den Augen nach einem möglichen Aufstieg absuchte. Gelegentlich war er mit seinem Vater in den Felsen gewesen, dieser hatte ihm gezeigt, wie wichtig es war sich den Aufstieg vorher genau einzuprägen. Doch von hier unten konnte er sein Ziel nur erahnen, denn die schroffen Kanten und Vorsprünge verdeckten den Blick.
Sein Blick schweifte durch die tiefe Schlucht hinunter zum Meer. Der Gedanke an seinen Vater ließ ihn zögern. Dieser verlangte viel von ihm, doch niemals hätten ihm seine Eltern erlaubt, allein hier hinauf zu steigen. Als Zwölfjähriger stand ihm das noch längst nicht zu, denn nur die älteren Söhne des Stammes durften dieses Wagnis an einem besonderen Tag des Jahres unternehmen. Und doch wusste er, dass es kein Zurück für ihn gab. Die Ahnen hatten zu ihm gesprochen und gerade die Eltern hatten ihm doch beigebracht, dass die Ahnen über sie wachten und man gut daran tat, ihren Hinweisen zu folgen.
Entschlossen setzte er den Fuß auf den ersten Absatz und griff nach oben. Er war ein guter Kletterer, geschickt fasste er Hand für Hand die vorstehenden Felsstücke und schob sich mit den blanken Füßen vorwärts. Auf diesem unteren Stück war der Stein fest und keiner seiner Tritte ging fehl. Rasch brachte er das erste Drittel seines Aufstiegs hinter sich. Nur leicht außer Atem blickte er erneut nach oben. Direkt über ihm öffnete sich der Kamin im Fels, den er von unten anvisiert hatte. Jetzt aus der Nähe wirkte der Felseinschnitt weit größer. Fast senkrecht stiegen seine Seiten in die Höhe und tiefer Schatten verdunkelte sein Inneres. Der Junge fühlte, wie die Zweifel sein Herz erneut berührten. Gab es keinen anderen Weg? Er blickte nach rechts und links, doch die bedrohlichen Überhänge an den Seiten zeigten ihm keinen Ausweg. Er kletterte in den tiefen Spalt, stemmte die Füße gegen die Seiten und zog sich zögernd weiter nach oben. Schon nach wenigen Metern fühlte er, mit welcher Kraft der Wind durch den Kamin fegte und an ihm zerrte. Er hielt inne und horchte in das Rauschen und Gurgeln der Luft. Warnte der Felsgeist ihn? Wollte der Luftgeist ihm sagen, dass er der Aufgabe nicht gewachsen war?
Keuchend und mit ausgestreckten Armen und Beinen im Kamin steckend suchte er das Bild seiner Großmutter, deren Geist ihm vor Tagen diese Aufgabe aufgetragen hatte. „Steig hinauf zum Horst des Falken“, hatte er sie in seinem Traum sagen hören, „und sammle die Rabenfedern, die Du dort finden wirst. Verwahre sie gut, denn sie gehören Deinen Ahnen.“ Warum sie gerade ihn für dieses gefährliche Unterfangen gewählt hatte, konnte er sich nicht erklären. Aber die Harimaguadas, die weisen Frauen der Höhlenklöster, schärften ihnen immer wieder ein, wie wichtig es war auf die Ahnen zu hören. Die Raben waren ihnen heilig und dass ein Falke einen Raben geschlagen haben sollte, konnte Unglück bedeuten.
Im Höhersteigen griff der Wind im Kamin immer stärker nach ihm. Ob er Acoran um Kraft anrufen sollte? Doch er wusste von der Strenge der obersten Gottheit, die Gehorsam gegenüber den Eltern verlangte. Vielleicht war es vermessen, den mächtigen Gott in dieses unerlaubte Wagnis hinein zu ziehen. Er war allein der Macht des Felsens und des Windes ausgeliefert. Höher und höher kletterte er zwischen den steilen und scharfkantigen Kaminseiten.
Die Luft brüllte nun in seinen Ohren, während der Spalt sich weiter öffnete. Obwohl er sich weit hinten im Felseinschnitt bewegte, schmerzten seine Arme und Beine bereits von der anstrengenden Bewegung. Höher, als er je zuvor geklettert war, hing er in den steilen Felswänden. Unter seinem Fuß löste sich ein Felsstück und polterte nach unten. Schweißgebadet zog er das Bein hoch und suchte nach einem neuen Halt, bis sein Fuß eine schmale Kante fand. Mit aller Kraft stemmte er sich hoch und griff nach einem schwarzen Felsstück, das weit aus der Wand ragte. Die scharfen Windboen schlugen ihm sein langes Haar um die Augen, in denen schon der Schweiß brannte. Nur mit Mühe konnte er sehen, wohin seine Hand griff. Noch ein kleines Stück, nun konnte er den kalten Fels mit den Fingern spüren. Er klammerte sich fest, schwenkte den Oberkörper herum, um auch die andere Hand an den sicheren Halt zu bringen. Wieder zerrte eine Boe an ihm, als wollten Berg und Wind ihn abschütteln. Seine Füße rutschen weg und er schrie auf, als er plötzlich mit seinem ganzen Gewicht an einem Arm hing. Sein freier Arm wurde vom Wind herum geschleudert und ruderte haltlos in der Luft. Gerade wollte er erneut nach dem schwarzen Stein greifen, da spürte er gequält, wie der Fels nachgab. Mit einem entsetzlichen Knirschen löste sich der Stein, an dem er hing. Seine Finger glitten ab, er schrie erneut und fiel … und fiel …
„Se?or, no pasa nada“ drang plötzlich eine Stimme zu ihm vor „tienes solo un sue?o“.
Gustav Baumann schrak hoch blickte um sich und starrte auf seine Hände die in den schwieligen Händen eines Fremden lagen. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Wirklichkeit ihn wieder hatte und er diesem, ihn besorgt anblickenden, Mann mit einer leise gemurmelten Entschuldigung die Hände entzog.
„Sie sind auf Urlaub hier“ fragte ihn dieser und humpelte zurück zu seinem Bett.
„Nein, das ist kein Urlaub“ erwiderte Baumann mit gepresster Stimme und fügte ganz leise hinzu „es ist die Suche nach den Resten meines verlorenen Glücks.“
„Es gibt einen ganz einfachen Weg um Glück zu finden“ räsonierte jetzt der Alte, während er, leicht stöhnend, sein anscheinend verletztes Bein in das Bett hievte, „man muss nur aufhören sich Sorgen um Dinge zu machen, die man nicht beeinflussen kann.“
Verwundert blickte Baumann auf diesen älteren Mann der diese Worte in so einwandfreiem Deutsch gesprochen hatte.
„Glück ist jedoch ein dehnbarer Begriff“ erwiderte Gustav Baumann ausweichend.
„Und doch engen wir selbst das Glück oft durch nur scheinbar wichtige Bedürfnisse oder unerfüllbare Wünsche ein.“
„Sind es wirklich nur unerfüllbare Wünsche wenn man das sucht, was uns durch das Schicksal so grausam entrissen wurde“ fragte Baumann mehr sich selbst als seinen Bettnachbarn.
„Wünsche, deren Ursprung in der Vergangenheit ruhen, müssen sehr wohl bedacht werden, denn oft wurden sie bereits von der Zukunft überholt.“
„Ich verstehe jetzt nicht was Sie meinen.“
„Nun, das ist ganz einfach“ erklärte ihm der Alte und zwinkerte ihm vertrauensvoll zu „denken Sie doch daran, wenn einer ihrer heiß geliebten Elternteile, ihre Frau, ihr Sohn, ihre Tochter, einen schweren Autounfall erlitten hat und sie beten zu Gott er möge sie am Leben lassen, dann hat die Zukunft doch bereits begonnen. Sie leidet unter unerträglichen Schmerzen, bleibt bettlägrig, ist nur mehr eine von Schmerz gepeinigte Hülle Mensch die um Erlösung fleht.“
Der Alte hatte die letzten Worte mit stockender Stimme gesprochen und Baumann erfasste eine Welle des Mitleids.
„Sie sprechen aus eigener Erfahrung“ fragte er jetzt zögernd.
„Ja, meine Frau hatte vor mehr als zwei Jahren einen Unfall und ihr Sterben war so bitter“ antwortete ihm der Alte leise und drehte sich um.
Nachdenklich legte sich auch Baumann zurück und überlies seine Gedanken ihren wilden Lauf. Bilder von damals, als er verzweifelt versucht hatte Isabell aus den Trümmern seines Wagens zu ziehen, tauchten auf, an dieses wortlose Verschwinden Melanies, an die durchwachten Nächte an denen er wartend vor dem Telefon gesessen war und dieser Traum. Er war so ungeheuer real gewesen. Ganz deutlich hatte er alles gespürt, den Fels, den Wind. Noch nie hatte er einen Traum so intensiv erlebt. Er runzelte die Stirn und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Wieso war er im Traum ein Guanchen-Junge gewesen? Diese vor langer Zeit untergegangene Welt war ihm doch völlig unbekannt! Nur vereinzelt hatte er kurz von den Ureinwohnern der Kanaren gehört, über die bisher nicht wirklich viel bekannt war. Und doch hatte er im Traum deutlich gefühlt, wie der Junge gedacht hatte und woran er glaubte. Er schüttelte den Kopf. Seine überreizten Sinne und die zehrende Sorge um seine Tochter hatten ihn erschöpft und gaukelten ihm Bilder vor, die er vielleicht irgendwann schon einmal in einer Ausstellung gesehen haben mochte. Ja, so musste es gewesen sein! Immer noch verwirrt und unwillig schob er diesen Gedanken beiseite, dass dieser Traum mehr als nur ein Spiegelbild seiner aufgewühlten Gefühle bedeuten sollte.