Ich habe die letzten neun Jahre der Franco-Zeit auf
Teneriffa selbst erlebt. Das war in verschiedenster Hinsicht spannend, wobei ich vieles erst im Nachhinein in seiner Bedeutung einordnen konnte.
Damals als Judendlicher von 17 Jahren nach
Teneriffa verschlagen worden zu sein, war in mancher Hinsicht wie eine Zeitreise ins späte 19. Jahrhundert. Der
Tourismus erfreute sich einer ersten zaghaften Blüte, das Leben der Tinerfeños war weitestgehend durch die - überwiegend in Feudalbesitz befindliche - Landwirtschaft bestimmt, die Plazas wurden morgens mit Palmwedeln gefegt, dort warteten auch die Schuhputzer auf ihre Kunden usw. In den Bussen waren die vorderen Plätze für die Caballeros mutilados de la guerra por la patria reserviert. La Guerra por la Patria war die offizielle Bezeichnung für den Bürgerkrieg. Die Curas, also die Pfarrer, traten öffentlich nur in langer schwarzer Soutane auf. Bei den Prozessionen in der Semana Santa gab es keine Kapellen privater Musikvereine, sondern Spielmannszüge in den Uniformen des spanischen Roten Kreuzes.
Karneval wurde nicht gefeiert bis auf einige zaghafte Fiestas del Invierno. Wir konnten daran erkennen, dass das Regime schwer kontrollierbare Vereine nicht mochte.
Oft sind wir die Straße von
La Orotava in die
Cañadas und durch diese hindurch gefahren. Auch die schöne Panoramastraße über die Cumbre war ein beliebtes Ziel. Aber niemand hat uns gesagt, dass diese Straßen überwiegend von Bürgerkriegshäftlingen in Zwangsarbeit errichtet worden sind. Wie es heute heißt, sind dabei auch manche spurlos verschwunden. Stattdessen war es ein übliches Ziel auch für Touristenbusse, im Esperanzawald die Gedenkstätte aufzusuchen, die daran erinnert, dass dort Franco in einer als Stabsmanöver getarnten Veranstaltung mit seinen Komplizen den Putsch geplant hat, der dann wenige Tage danach losbrach.
Franco war von der republikanischen Regierung eingesetzter Militärgouverneur der Provinz Tenerife, die er verabscheute. Für ihn war dieses Amt eine Strafversetzung. Neben dem Ausbau des Straßennetzes unter Franco, was wohl nicht zuletzt strategischen Überlegungen geschuldet war, wurde in dieser Zeit auch die Wiederaufforstung der Insel eingeleitet und damit die fortschreitende Desertifikation der Hochlagen gestoppt. Zugleich wurde damit die Wasserversorgung ziemlich nachhaltig gesichert; denn damals gab es keineswegs regelmäßig und zuverlässig Wasser aus der Leitung. Wir hatten, wie viele andere auch, zwei Tanks mit insgesamt 200 l Reserve auf dem Hausdach. Aber bereits in der Nachbarschaft (im Bereich San Antonio / El Esquilón bei Puerto d.l.C.) gab es Häuser ohne eigenen Wasseranschluss. Die Frauen holten täglich in großen Eimern, die sie auf dem Kopf trugen, das Wasser vom Chorro. Sie hatten deswegen eine bemerkenswert aufrechte Körperhaltung, kein Vergleich mit der oft nachlässigen Haltung heutiger junger Damen.
Zum Ruhme Francos wurden 100 Ptas-Münzen geprägt, deren Silberwert den Kaufwert von damals knapp 5 DM deutlich überstieg. Als das bekannt wurde, waren diese Münzen innerhalb kürzester Zeit verschwunden. Zuvor hatte ein mit uns befreundeter Bauunternehmer damit ein Problem ganz anderer Art: Seine Bankfiliale hatte eines Tages keine Banknoten, sondern nur diese 100 Ptas-Münzen. Aber er musste, wie das üblich war, seinen Bauarbeitern den Wochenlohn in bar auszahlen. Die hatten damals noch keine Bankkonten. Das war im wahrsten Wortsinn eine ziemlich schwere Angelegenheit.
Dass in dieser Spätphase des Regimes immer noch Todesurteile gefällt und vollstreckt wurden, vorzugsweise gegen Basken (wobei nicht klar war, ob das mit der ETA etwas zu tun hatte), war nicht bekannt, kein Thema. Als Student habe ich davon in Deutschland erfahren. Meine Mutter war hellauf entsetzt, dass ich zusammen mit spanischen KommilitonInnen dagegen demonstriert habe. Sie befürchtete Schwierigkeiten für uns als Folge. Aber anscheinend ist der spanische Geheimdienst nicht auf mich aufmerksam geworden.
Es war seinerzeit ein offenes Geheimnis, dass die damals so weltabgeschiedenen kanarischen Inseln Rückzugsgebiet einiger unbeirrbarer Nazis waren, vermutlich keine Prominenz oder sonstwie gesuchte Leute. Aber sie waren da und bildeten wohl auch eine Art Netzwerk. Man traf sich angeblich "Beim dicken Otto", einem deutschen Restaurant in Puerto, nicht nur, um am 20.04.(?) Führers Geburtstag zu feiern. Das erregte in Francos Spanien keinen Anstoß. Es gab durchaus genügend offene spanische Anhänger unserer eigenen faschistischen Vergangenheit, wie das folgende Erlebnis verdeutlicht:
Meine Mutter hat in den ersten Jahren, nachdem sie sich in Puerto niedergelassen hatte, alle sieben Inseln besucht, um sie kennen zu lernen. Wie die Nachricht von ihrer Ankunft nach
El Hierro gelangt ist, weiß niemand. Jedenfalls wurde sie am Hafen von einer Delegation empfangen und in ein Herrenhaus eingeladen. Die Dueña, eine ältere, äußerst vornehme Dame, machte sie dort mit einigen örtlichen Größen, allesamt zur Falange gehörig, bekannt und brachte das Gespräch schnell auf den zweiten Weltkrieg und den Kampf um die "richtige" Weltanschauung. Ihr Sohn war als Kämpfer der Legión Azul in Russland gefallen. Irgendwie hat sich meine Mutter durch diesen Abend durchlaviert. Richtig peinlich wurde es am nächsten Tag, als alle ihre Gastgeber am Kai erschienen und das Schiff mit Hitlergruß verabschiedeten. Ich glaube, meine Mutter ist nie wieder nach
El Hierro gefahren. Das war ihr zu gespenstisch. Der Vater meiner Mutter war ein Opfer des Naziregimes, aber das war auf
Teneriffa unbekannt. Vermutlich war sie deshalb als Sympathisantin, die sie nicht war, avisiert worden. Offenbar gab es unter den damaligen
Teneriffa-Deutschen nur wenige, die sich bei Deutschen in Spanien eine andere als die braune Geisteshaltung vorstellen konnten.
Schon vor Francos Tod schien so etwas wie eine Aufbruchstimmung spürbar. Das war aber wohl mehr der Öffnung für eine am übrigen West- und Mitteleuropa orientierte Lebensweise zu verdanken. Aber eine Hoffnung auf einen so grundlegenden politischen Wandel, wie er dann eingeleitet wurde, gab es öffentlich bestimmt nicht. Jedenfalls haben wir davon nichts bemerkt. Mit der anschließenden politischen Freizügigkeit wuchsen sehr schnell auch regionale Separatismustendenzen als Reaktion auf die Repression regionaler Eigenheiten zugunsten des Zentralstaats während der Diktatur. Während auf den Peninsula die ETA und manchmal auch andere bombten, ist es auf den Kanaren vergleichsweise ruhig geblieben. Ob das damit zusammenhängt, dass als Folge einer harmlosen Bombenexplosion auf dem Flughafen von
Gran Canaria alle ankommenden Flugzeuge nach dem im Nebel versunkenen Los Rodeos auf
Teneriffa umgeleitet wurden und dort im Chaos das schlimmste Unglück der zivilen Luftfahrt mit mehr als 500 Toten passierte, kann nur vermutet werden. Jedenfalls haben hier anschließend keine Separatisten mehr gebombt. Heute haben wir als gemäßigtes Produkt des Separatismus die CC. Und wenn wir ab und zu noch auf einer Mauer den Schriftzug "Canarias no es España" oder "Defendamos nuestra cultura" entdecken können, dann hat das auch in dieser Nach-Franco-Zeit seinen Ursprung.