Es muss so rund 1991 oder 1992 gewesen sein, also dem Zeitraum wo Kroatien seine Unabhängigkeit erklärte, als ich meinem Mann die Frage stellte, wo denn jetzt die Grenzen Kroatien verliefen. „Keine Ahnung“ war die Antwort und auch unsere Atlanten konnten uns keine Auskunft geben, da sie ja leider, durch die politischen Wirren des Zeitgeschehens, meistens schon beim Druck absolut veraltet sind. Nachdem man aber „up to date“ sein möchte, machte ich trotzdem auf den Weg und suchte die nächste Buchhandlung auf, um ein neures Exemplar zu erwerben. Und hier fiel mir, dem modernen Zeitalter entsprechend, eine CD-Rom in die Hände. Wirklich toll – der komplette Weltatlas auf einer kleinen Scheibe, mit den Möglichkeiten, per Mouseclick, Städte abzurufen, Videoanimationen anzuschauen und Geschichten über das jeweilige Land zu lesen. Die Installation auf meinem PC war einfach, meine Sprachlosigkeit jedoch groß. Als Wienerin tippte ich natürlich den Suchbefehl „Wien“ ein und musste hier lesen, dass meine Heimatstadt erst Jahre später, als tatsächlich, gegründet wurde, dass es zwar einige Ärzte zu Weltruhm geschafft haben, aber wirkliche Berühmtheit soll Wien durch Graham Greens „der dritte Mann“ erreicht haben. Dieser
Thriller der Extraklasse spielt in Wien im Jahre 1947 zur Zeit des Viermächtestatus und geht um den verzwickten Kampf der britischen Militärpolizei gegen einen der größten Medikamentenschmuggler der damaligen Zeit. Außerdem musste ich hier, über die Kulturgeschichte Wiens, weiterlesen, dass in jüngster Zeit die Russenmafia eindränge. Dass mein Herz vor Empörung lauter schlug können Sie sich wohl vorstellen. Wo ist ein Hinweis auf die römische Vorgeschichte Wiens, wo ist ein Hinweis auf die weltumspannenden Melodien von Strauß, Lanner, Stolz und Kalman. Überlegungen, dass diese moderne Version der Information eher der Jugend zugedacht sei, ließ mich agieren. Recherchen meinerseits, nach dem Urheber dieses Machwerks haben dann ergeben, dass dieser Unfug in Amerika hergestellt und von einem geistlosen Menschen halt in die deutsche Sprache übersetzt wurde. O.K. – Amerika ist weit entfernt, das Bildungsniveau reicht bei Vielen nicht über den eigenen Pantoffel hinaus, und was sollen diese Menschen schon über Europa wissen, geschweige denn über Österreich, wo es doch ein so kleines Land ist.
Nun war ich, vor geraumer Zeit, hier in den Büroräumen einer staatlichen Stelle, um meine Sozialversicherung anzumelden. Es ist nicht viel anders als in Österreich, und ich nehme an auch in Deutschland. Unendlich viele Formulare (die ich nur mir mitgenommener Hilfe lesen konnte) und noch mehr Dokumente. Irgendwie war ich der Ansicht, dass man seinen Pass nur ausgestellt bekäme, wenn man alle Original-Dokumente vorweisen könne – aber da muss ich wohl einem Missverständnis unterlegen sein. Also Vorlage des Passes, Geburtsschein, Taufschein, Heiratsurkunde, wann ist der Vater geboren, wie hieß die Mutter ledig und so weiter und so fort. Fein säuberlich wird alles von dem Formular in das Computersystem eingetragen und werden vorgefertigte Fragen angeklickt. Und da erscheint doch so eine grausliche Frage „wo sind sie geboren?“. In „Austria“ meine natürliche Antwort. „?Es un parte de Alemania?“ – „ist Österreich ein Teil von Deutschland“ wurde ich gefragt. Auf meine Verneinung wurde im System der Begriff „Austria“ gesucht, aber nicht gefunden, die Kollegen an den Nachbarschaltern um Rat gefragt und, zum Gaudium aller Anwesenden, beratschlagt was man doch mit einer Anmeldungswilligen machen könne, die der
Computer nicht anerkennt. Ich gebe zu, ich habe, um die Prozedur abzukürzen, eingewilligt, dass ich, nach den Kriterien des hiesigen Computersystems, in Wien, in Australien geboren bin.
Nach diesem unerfreulichen Ausflug bin ich nach Hause gegangen, habe mir eine Wiener Melange gemacht, eine Platte von Mozart aufgelegt und den Duft eines Gugelhupfes eingesogen.
Warum den Kriege um Grenzen führen und Nationalitätenkonflikte auskämpfen, wenn es doch so leicht ist, Wien auf den 5. Kontinent zu verfrachten
fragt sich Ihre Wienerin
Irene-Christine Graf
