„Sag mir“ fragte ich meinen Großvater „wer zündet die Sternlein an?“ „Wer putzt ihnen die Nasen?“ Mein Großvater nahm mich auf den Schoß und erzählte mir die
Geschichte vom alten Mann, der sich Abend für Abend auf die beschwerliche Reise machte, den Regenbogen hinaufstieg um am Himmel die abertausenden Sterne anzuzünden. Da habe er auch ein großes Taschentuch dabei um die Näschen zu putzen. Und dann las er mir die
Geschichte Antoine de Saint-Exupéry´s vom kleinen Prinzen vor, der auf einem Stern wohnte und in großer Sorge um seine Blume war.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut“ stand da und ich verstand nicht, was er meinte. Doch am Abend vor dem Einschlafen schaute ich in den Himmel und glaubte den alten Mann zu sehen, der müde, aber gewissenhaft ein Sternchen nach dem anderen entzündete.
Später, als ich schon selbst lesen konnte, lernte ich den Hans im Glück, das Rotkäppchen, das Aschenputtel und die Frau Holle kennen. Ich spielte Tischlein deck Dich, wollte rote Bänder an meinen Zöpfen in Ermangelung einer roten Kappe, verwendete Mutter´s Negligé als Ballrobe um vor meinen Puppen zu tanzen und bekam keinen Nachtisch, weil ich mit der zarten Brüsseler Spitze unglückseliger Weise irgendwo hängen geblieben war. Großvater, der ein leidenschaftlicher Gärtner war, verfolgte besorgt den Wetterbericht, erklärte mir wie sich Winde zusammenbrauen und warum der Schnee fällt. Und wenn die ersten Schneeflocken vor meinem Fenster tanzten, schaute ich zum Himmel und glaubte Frau Holle zu sehen, wie sie ihre Kissen schüttelt. Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Märchen begleiten uns unser ganzes Leben. Nicht nur die von Hans Christian Andersen oder den Gebrüdern Grimm, sondern auch jene die über die Kinoleinwand flimmern oder über die Boulevardpresse farbenprächtig verbreitet werden. Denken wir doch nur an Dr. Schiwago. Haben wir nicht alle Berge von Taschentüchern über die unglückliche Liebe von Lara und Dr. Yuri Zhivago vollgeheult? Waren es nicht russisch angehauchte Pelzkappen die auf unserer Wunschliste ganz oben standen und war für uns, damals noch junge Mädchen, nicht jeder an der Ecke stehende Zeitungskolporteur ein direkter Verwandter von Omar Sharif, nur weil er pechschwarze Augen hatte? Dass der mittellose Student hier frierend
Zeitungen verkaufe um sich damit sein Studium zu finanzieren und dann irgendwann heim zu seiner verschleierten Mutter fährt um mit einer ebenfalls verschleierten Frau verheiratet zu werden, erklärte mir mein Vater, aber das Thema Dr. Schiwago´s – die große Liebe - blieb in Erinnerung. Man sieht nur mit dem Herzen gut
Trotz Träumen vom glutäugigen Prinzen auf feurigen Pferden verliebte ich mich in einen großen, blauäugigen Wiener, der weder
reiten kann, noch schwermütig vor dem Kamin sitzt. Er hüllt mich nicht in Zobel, denn wir leben ja nicht mit sibirischer Kälte und er hat keinerlei Ähnlichkeit mit Omar Sharif. Für mich aber ist er mein Traummann, denn man sieht nur mit dem Herzen gut. Und das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
1970 – man war wieder ein Stückerl erwachsener geworden. Arthur Hiller führte Regie und Ryan o Neal und Ali McGraw spielten die Rollen von Oliver Barrett IV und Jenny Cacilleri in der Lovestory. Die Kinosäle waren brechend voll, die Taschentuchindustrie erfreute sich und wir überlegten uns ob wir unsere Kinder nicht Mitzi oder Franzl sondern lieber Jenny oder Oliver taufen sollten. 1990 bescherte uns Pretty Woman mit Richard Gere und Julia Roberts. Dazwischen schenkte uns das englische Königshaus die tragische
Geschichte von Lady Di, die Holländer die Liebesgeschichte von Beatrix und Claus und die Griechen die
Geschichte von Konstantin und Anne-Marie. Lauter Märchen, die entweder von Autoren oder vom Leben geschrieben wurden.
Vor langer, langer Zeit erzählte mir mein Großvater auch die
Geschichte vom Osterhasen. Er, der Nachschau hielte ob ich auch brav gewesen sei, der in der Osterhasenstube die
Eier bepinsle und die Ostereier in bunte Folien wickle. Und am Ostermorgen könne ich dann das Nesterl suchen um das Resultat seiner Beurteilung über mein Benehmen in Empfang nehmen. Jetzt steht wieder einmal Ostern vor der Tür. Ich glaube natürlich nicht an den Osterhasen und deshalb schmücke i c h den Osterstrauß, bereite i c h Osterkörbchen vor und bemale die frischgelegten
Eier. Und wenn dann am Ostermorgen von dem sorgsam drapierten Osterkörbchen ein paar bunte
Eier fehlen und mein Mann mich fragt, ob ich nicht schauen will, was der Osterhase gebracht hat, dann freue ich mich, denn man sieht nur mit dem Herzen gut. Und das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Man kann Märchen erleben, denn man muss nur ganz fest daran glauben,
das meint Eure Wienerin
Irene-Christine Graf