Während einer meiner letzten Wienbesuche spazierte ich durch die Innenstadt, vorbei an einem meiner Lieblingslokale und entdeckte durch Zufall einen alten Bekannten. „Servas Puppi“ rief er erfreut „hast Di aber schon lang nimmer anschaun lassn“. „Ich wohne schon seit 7 Jahren“ antwortete ich, zwischen Busserln und stürmischen Umarmungen „nicht mehr in Wien.“ „No geh´ wo wohnst denn jetzt“ fragte er erstaunt. „In
Teneriffa“ war meine Antwort und wollte schon fragen ob er die letzten Jahre im Keller verbracht habe, so blass und mieselsüchtig wie er ausschaue. „In
Teneriffa, bei de Pensi“ lachte er lauthals, klopfte sich auf die Schenkel und bestellte sich noch ein Stamperl vom Hausschnaps. „Das ist aber nicht richtig“ verteidigte ich meine Ortswahl „auf den Kanaren wohnen nicht nur Penisionsten“. „Na, wenn´s kane Pensi´s san, dann sans Pülcher“ resonierte er weiter. „Sag was machst denn Du dort? Fehlt Dir net Wien und Deine Haberer?“
Wer die Wiener Sprache ein bisserl beherrscht, wird wissen, dass mit dem Ausdruck „Pülcher“ jene Menschen gemeint werden, die entweder eine kriminelle Vergangenheit haben, oder zumindest keine ehrenwerten Mitglieder der menschlichen Gemeinde sind, und „Haberer“ ist die mundartliche Bezeichnung von Freunden oder näheren Bekannten. Fehlen mir wirklich Bekannte, denen es nicht einmal aufgefallen ist, dass ich seit 4 Jahren nicht mehr in Wien wohne, fragte ich mich, nachdem ich mich mit „Bussi, Bussi – wir sehn uns“ verabschiedet hatte und ließ einmal die letzten Jahre Revue passieren.
Ich habe in Wien tolle Leute kennen gelernt – Ärzte, Professoren, Journalisten, Künstler, Politiker, Wirtschaftstreibende, einfache Handwerker und ganz einfach wertvolle Menschen. Ich durfte interessante Geschichten erfahren, phantastische Häuser und Palais besuchen, habe interessante Vorträge gehört, war in Ausstellungen und Vernissagen und habe mit netten Menschen lustige und fröhliche Abende verbracht. Und dann bin ich ausgewandert nach
Teneriffa, auf die Insel wo angeblich nur Pensionisten und Kriminelle leben.
Die ersten geknüpften Kontakte bestätigten die Meinung meines Bekannten, der übrigens ein bekannter Schauspieler ist und als Bösewicht über die Leinwand flimmert. Ich lernte hier einen Mann kennen, der seine deutschen Mitbürger um ihre Ersparnisse brachte, der tolle, aber unrealisierbare Projekte wortgewaltig anpries und Ärzte, Masseure, leitende Hotelmanager und auch einfache Hotelmitarbeiter um ihre Existenz und ihre Zukunft brachte. Ich lernte Menschen kennen, die mittels internationalen Haftbefehl gesucht wurden, die Steuerflüchtlinge waren, oder solche, die ganz einfach Dreck am Stecken hatten. Ich war gestrandet an einem Ufer, von dem ich nicht wusste wie das Hinterland aussieht. Anfangs der spanischen Sprache nicht mächtig war ich natürlich zu genau jenen Anlaufstellen gelaufen, wo man auch meine Muttersprache verstand und von wo ich mir Informationen erwartete. Wo und wie kauft man ein Haus oder
Auto? Auf was muss man aufpassen? Wo bekomme ich frische Milch, wie kommt man zu einen verlässlicher Putzfrau und wo gibt es einen deutschen Arzt, falls mal was passiert.
Jetzt sind sieben Jahre ins Land gezogen und jene Typen, die so treuherzig, mit tiefem Blick auf meine Brieftasche, ihre Hilfestellungen angeboten haben, haben sich sehr schnell geoutet und sind verschwunden. Ich habe andere Menschen kennen gelernt; die, die erfolgreich im Berufsleben stehen. Ich habe Journalisten getroffen, die mit mir über österreichische Literatur diskutieren, ich habe den Arzt meines Vertrauens gefunden und Handwerker die Meister ihres Fachs sind. Ich bin stolz auf jene Freunde, die, anstatt sich wie jeder ordentlich Deutsche oder Österreicher der arbeitslos geworden ist auf das Sozialamt begeben, sondern einen Neubeginn in einem fremden Land wagen. Und ich habe die Pensionisten kennen gelernt, die auf ein reich erfülltes Leben zurückschauen können und mich teilhaben lassen an Erlebtem. Ich erfahre von Heilpraktiken und erprobten Therapien, lerne von Historikern und Geschichtenschreibern, bekomme neue Einblicke in die Kunst des Malens, der Architektur und der Musik. Ich habe Freunde gewonnen, die eine perfekt gelungene Mischkulanz aus Deutsch und Kanarisch
präsentieren und mich mit urtypischen bayrischen Dialekt in die kanarische Lebensweise einführen. „Tu me comprede, oder wieder nicht comprende dieses Wort“ ist nur einer jener liebenswürdigen Sätze mit denen mich mein kanarischer Freund regelmäßig zu ärgern versucht. Aber ich liebe ihn dafür, denn durch seine Hilfe kann ich immer öfter „claro, comprendo“ (klar, versteh ich eh) antworten.
Nein, mir fehlt weder Wien, noch meine „Haberer“ wenn ich hier in
Teneriffa bei Freunden Kaffee aus zarten Meißner Porzellantassen trinken darf und den Geschichten aus Ländern wie Peru oder Guatemala lausche. Mir fehlt auch nicht der Wiener Gugelhupf wenn mir meine Freundin ein großartiges Rezept für die Zubereitung eines „Lekkerlis“ gibt und ich bin dem Leben dankbar, denn ich wurde mit Freunden reich beschenkt.
Teneriffa ist ein Mythos dem viele Menschen aus dem einen oder anderen Beweggrund folgen, und Gauner, Halunken, Kriminelle oder die „Pülcher“ gibt es hier und überall, genauso wie die gescheiten, ehrlichen und hervorragenden Menschen. Man muss nur wissen wozu man gehört
meint Eure Wienerin
Irene-Christine Graf