Gott sei Dank, es ist wieder einmal geschafft. Alle Geschenke sind an den Mann bzw. die Frau gebracht, der Christbaum ist, dank Plastiktanne nicht in Brand geraten, die Nachbarn waren über das dreistimmig (laut, falsch und mit Begeisterung) gesungene Weihnachtslied nicht erbost und die Vanillekipferln bzw. die Weihnachtsgans haben nur zarte Spuren an den Hüften hinterlassen. Es liegt nur mehr eine einzige Hürde, nämlich die rauschende Silvesternacht, vor uns, um das alte Jahr endgültig hinter uns zu lassen.
2008 – welch berauschender Gedanke. Neu, jungfräulich und unbeschrieben
präsentiert sich das neue Jahr, wie die leeren Seiten eines Manuskriptes, dass erst geschrieben werden muss. In vielen Ländern dieser Erde wird das neue Jahr mit viel Lärm und Krach willkommen geheißen, um der Freude Ausdruck zu verleihen, dass es endlich da ist. Wir Wiener begrüßen zwar auch mit Böllerschüssen und Feuerwerk das Neue Jahr, den 31. Dezember begehen wir jedoch ein bisserl schwermütig und traurig, weil uns das alte Jahr verlässt. Aber manchmal frage ich mich, ob dieser Jahreswechsel nicht nur ein buchhalterischer Faktor ist, denn was soll sich in dieser Nacht schon ändern?
Ich werde am 1. Tag des neuen Jahres wie gewohnt aufstehen. Na, vielleicht ein bisserl später, wenn die Nacht lang war, werde das alt gewohnte Gesicht waschen und, nachdem ich kein Gebissträger bin, auch die mir seit Jahren bekannten Zähne putzen. Den Kaffee werde ich wahrscheinlich mit einem Kopfwehpulver krönen und dann werde ich mir, das traditionelle Neujahrskonzert aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien anschauen. Da dieses Highlight bereits seit 1941 stattfindet, und sich nur durch verschiedene Dirigenten und damit verschiedene Interpretationen unterscheidet, auch nicht unbedingt etwas anderes als gewohnt. Ich werde mich daran erfreuen, dass Georges
Pr?tre dirigiert, nicht wie 2002 Seiji Ozawa, und das ganz einfach weil mir halt
Pr?tre besser gefällt. Ich werde mich, wie jedes Jahr wundern, wie viele Leute es gibt, die für eine Konzertkarte 2.950,-- Euro hinblättern können, beneide so manche Dame der Gesellschaft um ihre Garderobe, bemitleide sie wegen der sicher zwickenden engen Schuhe und kuschle mich, angezogen mit einem bequemen Hausanzug gemütlich auf die Polstergarnitur. Spätestens nach der großen Pause, wo meist traumhafte Wienbilder gezeigt werden, meldet sich bei meinem Mann der große Hunger und ich verschwinde in der Küche. Leise grummelnder Ärger ist vorprogrammiert, wenn ich dann noch Kommentare zu phantastischen Aufnahmen hören und ich mir gerade in der Küche die Finger am heißen Suppentopf verbrenne.
Ein buchhalterischer Faktor wie ein Jahresende ist aber auch die Zeit Bilanz zu machen und aus dem Resultat Konsequenzen zu ziehen. Das jährliche Spiel mit den guten Vorsätzen beginnt. Der Vorsatz mit dem Rauchen aufzuhören, löst sich meist im blauen Dunst der ersten Zigarette nach dem Frühstückkaffee am Neujahrstag auf und den Vorsatz mehr auf die Ernährung zu achten, vernichtet ein übrig gebliebenes Vanillekipferl. Gute Vorsätze, wie zum Beispiel mehr Bewegung in frischer Luft zu machen, verhindert ein leichter Nieselregen oder mehr Toleranz gegenüber dem Ehepartner werden durch die, dekorativ am Couchtisch deponierten Socken, zunichte gemacht.
Doch unbeschriebene Seiten geben uns trotz allem die Chance unsere
Geschichte zu erzählen. Eine
Geschichte die wir planen und gestalten und die wir in Taten umsetzen. Wir können unsere Vergangenheit als Wissenspotential verwerten und unser eigenes Ich einbringen. 2008 wird da sein, so wie 2007, 2006 und all die Jahre die davor gekommen sind. Das neue Jahr wird wie ein Baby bei der Geburt, mit Vorgaben behaftet sein und die Erblasten, wie begonnene Kriege, Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit oder politische Scharmützel haben sich weder durch Feuerwerke, Böllerschüsse oder übermäßigen Champagnergenuss in Feuer, Luft oder Alkohol aufgelöst. Wir alle sollten jedoch, wie bei einem Neugeborenen, die Geschicke des vor uns liegenden Jahres mit liebevoller Sorgfalt lenken und leiten denn wir allein sind die Verantwortlichen dieses Weges.
In diesem Sinn wünsche ich Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Geschick, Glück und Gesundheit für 2008
Eure Wienerin
Irene-Christine Graf