Eines Tages, als der liebe Gott vom Himmel auf Erde herabgestiegen war um sein Werk zu begutachten, wanderte über einen Weg durch ein Wiese, einen schmalen Bach entlang, hin zu einem kleinen Dorf. Es war die Zeit als noch alle Blumen, Tiere und Menschen die gleiche Sprache sprachen und die Blumen neigten ihre Blütenköpfe und flüsterten leise ihren Willkommensgruß dem lieben Gott entgegen. Die Fische streckten aus dem fröhlich vor sich hin plätscherndem Wasser ihre Köpfe, riefen laut Halleluja und die Vögel stimmten lauthals darin ein. Der liebe Gott war zufrieden und freute sich über die wärmenden Strahlen der ihn begleitenden Sonne. So kam er hin zu einem Dorf, an dessen Rand ein Hund und eine Katze laut über einer Schüssel Futter stritten.
„Habt ihr denn nicht beide genug“ fragte der liebe Gott verwundert, als der den übervollen Napf sah.
Die Katze sah ihn mit ihren großen grünen Augen an und mit schmeichelnder Stimme schleimte sie sich bei dem gütig aussehenden Mann ein und schilderte ihm wie, dass der Hund mit seinem großen Maul die köstlichsten Bissen herausklaubte und ihr nur kärgliche Reste überließ.
Der Hund jedoch zog die Lefzen hoch, fletschte seine Zähne und schimpfte wütend, dass der liebe Gott so ein Tier wie eine Katze erschaffen habe, die den ganzen Tag nur faul in der Sonne liege und nicht einmal die Schafe hüten könne.
„Aber warum sprecht ihr denn nicht über ein Problem? Dazu habe ich euch doch die Sprache gegeben,“ fragte dieser begütigend und nahm die kleine Katze auf den Arm.
„Weil sie mich nicht verstehen will“ knurrte der Hund ihn böse an „und du mich anscheinend auch nicht.“
„Den Hund hättest Du wirklich nicht erschaffen müssen“ sagte die Katze hochmütig und sprang vom Arm des lieben Gottes.
Dieser schüttelte nur noch den Kopf und ging langsam weiter. Er traf ein Schaf und dieses beschwerte sich über den Hund, eine kleine Maus über die Katze, die Kuh über die Vögel und so weiter und so fort. Nur ein alter Bauer, der gerade sein üppiges Feld bestellte, zog seinen Hut und dankte Gott für die reiche Ernte.
Müde vom
Wandern setzte sich der liebe Gott unter einen großen Baum um den Schatten zu genießen, als sich der Hund, der ihm gefolgt war vor ihn hinstellte und ihn forderndem Ton vorschlug, die Katze doch mit in den Himmel zu nehmen, denn hier auf Erden sei kein Platz für sie.
Nun wurde der liebe Gott böse, hob die Hand und verteilte über die ganze Erde die unterschiedlichsten Stimmen, Laute und Töne und auf einmal war sie gefüllt von Worten, Geschnatter, Gezwitscher, Blöken, Bellen und Miauen. Sie hatten die Möglichkeit verloren miteinander zu sprechen.
Dem Menschen jedoch strich er über die Stirn und gab ihm die Fähigkeit zu denken und bat ihn, als sein Vertreter, auf Erden zu agieren und für Frieden und Harmonie zu sorgen.
Während der liebe Gott sich jedoch auf den Weg machte, um zurückzukehren ins Himmelreich, trommelte der Mensch alle Lebewesen zusammen und erklärte ihnen, dass sie ab sofort seinen Befehlen zu gehorchen hätten, da er allein die Gabe des Denkens erhalten hätte.
Es könnte doch so gewesen sein, meinen Sie nicht auch? Oder warum ist es so unendlich schwierig Verständnis für andere zu haben?
Die Menschen benützen ihre Fähigkeit um andere zu unterdrücken, zu beherrschen und untertan zu machen. Sie benützen ihre Gabe nicht um zu Verständigen, zu Vermitteln oder Unglück zu Verhindern.
Oft, wenn morgens die Hunde in dem Tierheim der
Punta Brava nicht aufhören zu kläffen und bellen und die Nachbarn sich lauthals über den Lärm beschweren, denke ich daran und überlege was sie uns eigentlich mitteilen wollen. Sind es die auffordernden Rufe um Hilfe? Sind es die flehenden Bitten an die, in Freiheit und Wohlstand lebenden Artgenossen, bei ihren Herrchen oder Frauchen auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen? Oder ist es nur der Ausdruck der Erleichterung, dass wenigstens irgendjemand kommt um ihnen frisches Wasser und einen Napf Futter hinzustellen?
Weder Sie noch ich können das Leid aller Tiere dieser Welt beseitigen, aber wir können aufhören uns darüber zu beschweren, dass ein Hund nur die ihm verliehene Art benützen kann um auf sich aufmerksam zu machen. Ich gebe zu, dass es auch mich manchmal nervt, wenn das Gejaule aus dem Tierheim kein Ende nimmt und die Nachbarhunde klagend miteinstimmen. Aber wenn ich dann meinen Staubsauger in Betrieb nehme, der lautstark meine Sauberkeitbedürfnis dokumentiert, den Wagen starte oder die Stereoanlage auf volle Lautstärke drehe, weil Placido Domingo eine Arie schmettert, bin ich nicht sicher, ob ich die empfindlichen Ohren eines Hundes nicht auch beleidige.
Wir könnten doch versuchen zu akzeptieren, dass jedes Lebewesen die gleiche Berechtigung hat hier auf dieser wunderschönen Welt zu leben und wir Menschen keine Option darauf haben alles für sich zu beanspruchen.
Das meint Eure Wienerin
Irene-Christine Graf