Ach, wie sehr lieben wir Wiener doch das Getratsche über Burgtheater und Josefstadt, über gelungene oder verpatzte Premieren und jene Schauspieler die wir doch fast als unser Eigentum betrachten. Man kauft sich zu horrenden Preisen Eintrittskarten, weil doch die Presse bereits von einem Skandal munkelt, getraut sich kaum eine moderne Inszenierung zu verdammen um nicht als altmodisch oder verzopft dazustehen, wird grenzenlos bewundert weil man den einen oder anderen Darsteller doch persönlich kennt und hat damit unendlich viel Gesprächstoff.
Das Burgtheater, die Akademie und die Josefstadt sind in unendliche Ferne gerückt und haben Platz gemacht, dem Atlantik, den Palmen, der Mosca blanca und dem Fernseher. Der Atlantik, eine bewegte
Geschichte. Rauh und unnahbar zeigt er Macht und Stärke. Die Palmen stehen dekorativ herum, sind ganz einfach da und leider auch die Mosca blanca, die genau diese Palmen wieder ruiniert. Man diskutiert mit kampferprobten Mitmenschen welche die neuesten Mittel gegen diese lästige Fliege schon erprobt und deren Palmen sich mit Trauerweiden vergleichen ließen und wendet sich, abwartender Weise, dem Weltgeschehen, geschrumpft auf 82 Zoll, zu. Jene, mit dicken Rotstift in den Kalender eingetragenen Theaterbesuche wurden abgelöst von bunt bebilderten Programmheften und der Fernbedienung und so zappt man sich durch die Filmgeschichte. Aber auch hier erkürt man sich Lieblingsschauspieler, verfolgt ihre Karriere und ihre persönliche Entwicklung, versucht so wichtige Ereignisse wie die 52. Wiederholung von „Hallo Dienstmann“ mit Hans Moser nicht zu versäumen. War er nicht ein grandioser Grantler?
Menschen stellen Personen dar, geben ihnen Charisma und Persönlichkeit und meist kennt man die Rolle besser die sie verkörpern, als den Darsteller. „Harry hol den Wagen“ sagt doch immer der Derrik – nein, eigentlich sagt es doch Horst Tappert. Ein Konterfei von Klaus Theo Gärtner symbolisiert einen Auftritt „Matula´s“ und man wartet seit fast 20 Jahren noch immer geduldig bis er auch in der 220 Folge eine über den Schädel bekommt. Er ist der ewige Verlierer, immer in Geldnöten und mit wenig Erfolg bei Frauen. Man kennt den Matula eben, seine Schwächen und Stärken, man kennt seine Wohnung und sein
Auto – und trotzdem ist es nur das was er uns vorspielt.
Oft bewundere ich grenzenlos manche Schauspieler wie überzeugend sie die ihnen übertragene Rolle darstellen. Hier eine tragische Opferrolle mit Dreiminutenauftritt, dort ein furchterregender Mörder und im nächsten Auftritt ein kompetenter Kriminalkommissar. Nach einem anscheinend in Windeseile absolvierten Studium treffen wir sie wieder als Richter, Börsenmakler oder Reedereibesitzer. Im Normalleben liegen hier doch Welten dazwischen und trotzdem geben sie uns das Gefühl jedes Mal nur jene Person zu sein, die sie gerade verkörpern. Sie
tauchen ein in eine
Geschichte, lernen vorgegebene Texte und geben der Handlung durch Gestik und Mimik einen persönlich Touch. Und trotz allem spielen sie nur eine Rolle.
Und doch frage ich mich manchmal, ob das, was wir als persönliches „ICH“ bezeichnen, nicht auch nur eine perfekt einstudierte Rolle ist. Warum verliert man sonst im Laufe der Zeit so manche Gestik die zum Beispiel Freude bedeutet? Über, in die Luft geworfene Hände, und einem schallenden Lachen aus unserer Kehle legt sich doch die gesellschaftliche Etikette – eine Dame benimmt sich doch nicht so ungestüm. Das ICH ist doch nur das Resultat aus Erfahrungen sowie gesellschaftlichen und kulturellen Vorgaben und nur ein Hauch persönliche Interpretation. Die Erfahrung sagt, wenn ich meinem Gegenüber die Zunge zeige, wird er mich ganz sicher für bescheuert halten und wenn ich beim Spazierengehen doch aus Freude heraus auf ein Mäuerchen klettere, ganz einfach weil es Spass macht und die Sicht von dort oben doch um mindestens 50 cm schöner ist, werden so manche Mitmenschen den Kopf schütteln und mich als komische Alte klassifizieren. Ich persönlich habe mit kopfschüttelnden Mitmenschen kein Problem, weil die Freude am Leben in meinem Gedankengut einen wesentlich höheren Stellenwert einnimmt als die Meinung anderer.
Ein wirkliches Problem habe ich jedoch mit Menschen welche in zauberhaften Szenarien schlechte Rollen spielen.
Teneriffa ist schön, die Menschen sind freundlich und das Wetter meist postenkartenreif. Und dann landen hier Herr oder Frau Überdrüber aus Deutschland oder Österreich.. Sie spielen die Rolle des Weltenbummlers, ohne mehr als den im „all included“ Preis enthaltenen Hotelstrand je gesehen zu haben, geben sich reich und 14-tägig unbeschwert; sprich alkohol- und sonnenseelig. Aber, der Atlantik ist zu stürmisch - auf Dom.Rep. wo man doch letztes Jahr war, war alles besser. Die Preise sind zu hoch - also zu Hause kostet das Bier doch fast genau so viel. Ach Gott, und wie ungebildet diese Canarios doch sind. Sie spielen die Rolle des Deutschen oder Österreichers mit Hingabe, aber ohne je das Drehbuch des wirklichen Lebens je gelesen zu haben.
Ein Drehbuch zeichnet nur eine
Geschichte, skizziert Figuren, schreibt Texte vor und trotzdem bleibt es dem Können eines Darstellers überlassen jener, ihm übertragenen, Rolle eine persönliche Note zu geben.
Wenn im Drehbuch eine Reise nach
Teneriffa steht, am Set die Kulissen perfekt aufgebaut sind und die Laiendarsteller auch vielleicht noch ein bisserl mit dem Text kämpfen, so kann man doch die Rolle des reichen Touristen, der sogar einen Mittelschulabschluss und einen Onkel mit Doktorwürde in der Familie hat, liebenswürdig und tolerant anlegen.
Wäre doch einen Versuch wert und würde so manches einfacher machen und vor allem, man müsste sich für so manche Landsleute nicht in Grund und Boden schämen.
Das meint ihre Wienerin
Irene-Christine Graf