An was denken Sie bei dem Begriff „Nachbarschaft“. Glück oder Unglück?
Nachbarn können das Leben bereichern, oder es aber auch zur Hölle machen. Aber wie ist man denn selbst? Ist man ein guter Nachbar? Ist Großzügigkeit nur etwas was man fordert, oder ist man bereit auch selbst großzügig zu sein?
Ich glaube nicht, dass Wilhelm Busch bei seinem Zitat
"Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich nicht was Bess'res findet" an einen Hauskauf dachte, aber ich finde es passt perfekt. Auf was wird doch alles geachtet. Ob das Haus die richtige Größe hat, ob es der Verkehrslage entspricht und ob es finanziell überschaubar ist. Man kalkuliert so manche Umbauarbeiten und Adaptierungen,
prüft Grundbücher und Belastungen, sondiert das Umfeld nach Einkaufsmöglichkeiten und Erreichbarkeiten und kauft. Aber die wenigsten von uns haben die Chance sich die Menschen der Umgebung genauer anzuschauen.
Was nützt dem, sich nach Ruhe und Beschaulichkeit, suchenden Ehepaar, das Traumhaus, in absolut verkehrsberuhigter Lage, mit Blick auf das Meer und dem
Teide, wenn in den umliegenden Häusern canarische Großfamilien lautstark ihre Fiestas feiern.
Was nützt dem pingeligen Gartenliebhaber die sorgsam geschnittene Hecke, wenn sich der Nachbar mehr Sorgen um die Rodungen in Brasilien macht, seinen Garten zu einem Urwald wachsen lässt und seine Sträucher sich mit umklammernder Wirkung an den eigenen zarten Pflänzchen vergehen.
Was nützt dem überzeugten Vegetarier sein fleischloses Vergnügen, wenn der Nachbar glaubt, er sei im Wilden Westen, und Wochenende für Wochenende rauchgeschwängerte Grillparties feiert.
Was nützt dem Mozart verehrenden Musikliebhaber seine Sammlung an Sonaten, wenn der Nachbar zur Unterstützung einer Heavy Metall Band sämtliche CD´s gekauft hat und lautstark den ganzen Tag abspielen lässt.
Und wirklich arm ist doch auch jene betagte alte Dame, die mir erzählt, dass sie jedes Mal, wenn sie das Fernglas an die Augen nimmt und in den Garten gegenüber blickt, dort doch unerhörter Weise die Enkelin des Nachbarn nackt wie Gott sie schuf beobachten muss. Ihre Herztropfen hat sie deshalb schon ans Fenster gestellt, sonst hält sie es ja gar nicht aus.
Wilhelm Busch sagte auch
Das Gute - dieser Satz steht fest - ist stets das Böse, was man läßt!
In einer
französischen Pressemeldung fand ich einen Bericht über voll ausgelebte Nachbarschaftsnähe. Als ein Mann in Metz nach der Arbeit nach Hause kam, fand er seinen, bis dahin unbekannten, Nachbarn, gemütlich vor seinem Fernseher sitzend, vor. Dieser hatte sich ganz einfach ein Loch durch die Wand gebohrt und die Nachbarwohnung in Besitz genommen. Das hätte der nette Nachbar doch wohl lieber nicht machen sollen.
Lassen Sie mich nochmals zu Wilhelm Busch zurückkehren, der in seiner
Geschichte von der frommen Helene, den guten Onkel Nolte sagen lässt:
Ei, ja! - Da bin ich wirklich froh!
Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!
Lassen wir doch ganz einfach ein bisserl Toleranz walten, den Urwald in Brasilien, die rauchenden Colts und offenen Feuer im Wilden Westen. Feiern wir die Grillpartys an dafür vorgesehenen Plätzen, genießen die Musik laut, aber mit Kopfhörern, und erfreuen uns an dafür dankbaren Nachbarn
meint Ihre Wienerin
Irene-Christine Graf